Zehn Thesen zur Trennung von Staat und Kirche

1.
Die Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS) tritt für eine Trennung von Staat und Kirche ein. Religiöse Gruppen sollen sich–wie andere weltanschauliche Gemeinschaften–ohne staatliche Privilegierung dem freien Wettbewerb der Weltanschauungen und Meinungen stellen.
[The FVS (Freethinkers Association of Switzerland) promotes the separation of state and church. Religious groups ought to participate in a free competition–without special privileges from the state–with all world views and opinions.]

2.
Die Trennung von Staat und Kirche ist sowohl ein Zustand als auch ein Prozess. Die vollständige Trennung, wie wir sie anstreben, ist z.B. in den USA verwirklicht. Die Trennung von Staat und Kirche ist aber auch ein Prozess, der darin besteht, dass bestehende Verbindungen zwischen Staat und Kirche fortschreitend abgebaut werden. Bereits im vorhergehenden Jahrhundert wurde z.B. eine Trennung auf dem Gebiete des Zivilstandswesens vollzogen. Wir Freidenker begrüssen und unterstützen diese Entwicklung.
[The separation of state and church is a condition as well as a process. The complete separation that we strive for is, for example, realized in the USA. The separation of state and church, however, is also a process that consists of the progressive dismantling of existing connections between state and church. Already in the last century, for example, the separation in the area of marital status was completed. We free-thinkers welcome and support that development.]

3.
Die Trennung von Staat und Kirche bedeutet insbesondere:
Den Verzicht auf die finanzielle Unterstützung der Kirchen mit staatlichen Geldern;
Keine Erhebung von Kirchensteuern durch den Staat;
Keinen religiösen Unterricht durch staatliche und in staatlichen Schulen;
Verzicht auf religiöse Symbolik im staatlichen Bereich.
[The separation of church and state means specifically:
The renunciation of any monetary support for churches from the state;
no collection of church taxes through the state;
no religious instructions by and in state supported schools;
removal of any religious symbolisms in the area of government (the state).]

4.
Die FVS verkennt nicht, dass die Kirchen teilweise soziale Aufgaben übernommen haben. Ob und wieweit der Staat soziale Aufgaben an nichtstaatliche Organisationen delegieren und diese Organisationen dafür subventionieren will, ist eine Frage der Politik und der Zweckmässigkeit, zu der sich die FVS nicht äussert. Bei der Trennung von Staat und Kirche könnten sich religiöse Gruppen gleichberechtigt mit anderen privaten Organisationen um die Übernahme solcher Aufgaben und entsprechende staatliche Mittel bewerben.
[the FVS recognizes that churches have taken on parts of the social services. If and how far the state should delegate social services to non-state organizations and provide subsidies for such organizations is a question of politics and expediency, and we express no opinion in this matter. With a separation between state and church, religious organizations together with other private organizations can compete for taking on such responsibilities and apply for state funding.

5.
Die FVS ist sich bewusst, dass unsere Kultur, wie jede andere Kultur, über Jahrhunderte von den jeweils herrschenden Religionen geprägt wurde. So wählten Künstler oft religiöse Elemente als Gegenstand ihres Schaffens. Unser kulturelles Erbe ist davon geprägt. Es wäre sinnlos und barbarisch, diese religiösen Spuren aus dem Kulturerbe tilgen zu wollen. Wir sind keine Bilderstürmer.
[The FVS realizes that our culture, like any other culture, was influenced over the centuries by the dominating religions of the various times. Thus, artists often chose religious elements for their works. Our cultural heritage was formed in this fashion. It would be senseless and barbaric to try to erase these religious traces from our cultural heritage. We are no iconoclasts.]

6.
Die Trennung von Staat und Kirche bedeutet auch Freiheit für die Kirchen. Die Kirchen könnte ihre Weltanschauung nach der Trennung ungehindert von staatlichen Bindungen und Rücksichtnahmen vertreten. Wir Freidenker anerkennen das Recht jeder Gruppe, aus ihrer Weltanschauung heraus Stellung zu gesellschaftlichen und religiösen Fragen zu nehmen. Solche Stellungnahmen setzen aber die Unabhängigkeit von Staat voraus. Die Trennung von Staat und Kirche bedeutet die Gleichberechtigung religiöser Gruppen untereinander. Wir begreifen nicht, weshalb im Zeitalter der Ökumene christliche Kirchen Vorrechte gegenüber anderen christlichen oder nichtchristlichen Religionsgemeinschaften beanspruchen können.
[The separation of state and church also means freedom for the churches. The churches, after separation, could represent their world views unencumbered by bonds and considerations toward the state. We free-thinkers acknowledge the rights of any group to comment on social and religious questions from their own world view standpoints. Such commenting, however, requires independence from the state. The separation of state and church means equal rights among all religious groups. We do no understand why, in our age of ecumenism, Christian churches should command precedence over other Christian or non-Christian religious communities.]

7.
Oft berufen sich die Kirchen auf historische Rechtsansprüche am früheren Kirchenbesitz, der während und nach der Reformation säkularisiert wurde. Wir Freidenker weisen solche Ansprüche entschieden zurück. Es ist unverständlich, dass sich die Kirchen auf z.T. feudale Rechte aus dem Mittelalter berufen. Eine Entschädigung der Kirchen für Feudaleinkünfte ist genauso widersinnig wie eine Entschädigung des Adels oder des städtischen Patriziats. Es gibt Rechte und Ansprüche, die durch historische Entwicklungen überholt sind. Niemand verlang heute Schadenersatz für die Menschenrechtsverletzungen der Kirchen in der Vergangenheit.
[The churches often appeal to historical rights concerning former church properties that were secularized during and after the reformation. We free-thinkers firmly reject such claims. It would be unintelligible for churches to call upon what would at least in part be feudal rights from the middle ages. A restitution of feudal incomes for the churches would be just as nonsensical as compensations for the former nobility or the patricians. There are rights and claims that have been surpassed by historical developments. Nobody today asks for compensation for the violations of human rights committed by the churches in the distant past.

8.
Die Trennung von Staat und Kirche muss in einer sozialverträgliche Weise vollzogen werden. Angemessene Übergangsfristen und -regelungen sind für uns durchaus akzeptabel. Wir fordern keine Strafaktion, sondern Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.
[The separation of state and church must be accomplished in a socially acceptable manner. Reasonable transition periods and regulations are absolutely acceptable to us. We do not ask for any penalizing actions, but for justice and equal rights.]

9.
Die Trennung von Staat und Kirche ist ein zusätzlicher Damm gegen fundamentalistische Strömungen. Die jetzige Verknüpfung von Staat und Kirche bietet gewissen fundamentalistischen Gruppen eine Scheinlegitimation für ihren Anspruch, religiöse Normen und Moralvorstellungen in der staatliche Gesetzgebung festschreiben zu wollen. Ein Beispiel ist das Referendum gegen das Sexualstrafrecht.
[The separation of state and church is an additional bulwark against fundamentalist currents. The present association between government and the church offers a certain legitimacy for fundamentalist groups for their demands to include religious norms and morals in government legislature. An example is the referendum against the present penal code for sex offenses.]

10.
In jüngster Zeit fordern auch konservative politische Kreise die Trennung von Staat und Kirche. Dies deshalb, weil Exponenten der Kirchen Stellungnahmen abgaben, die diesen Kreisen nicht passen. Die Drohung mit der Trennung von Staat und Kirche ist für die politische Rechte ein Drohmittel gegen eine politisch unbequeme Kirche.
[In most recent times even conservative political circles demand the separation of state and church. That is because representatives of the churches voiced opinions not welcome in these circles. The threat of separation of state and church is a threat against an unpleasant church by the political right.]

Die Freidenker vertreten die Forderung der Trennung von Staat und Kirche losgelöst von der politischen Tagesaktualität. Sie haben aber auch keine Bedenken, andere Gruppen ungeachtet deren Motivation bei Trennungsmassnahmen zu unterstützen. Die FVS wird aber in solchen Auseinandersetzungen ihre eigenen Argument aufgrund ihrer humanistische und freiheitlichen Weltanschauung deutlich vertreten. Sie wird nicht Argumente übernehmen, die mit ihrem eigenen Gedankengut unvereinbar sind.
[The free-thinkers promote the demand of separation of state and church detached from daily political activities. They also do not hesitate to support other groups in this action for separation without regard to their motives. The FVS will with its own arguments, however, always represent its humanistic and freedom-minded world view. The FVS will not shoulder arguments that are incompatible with its own stock of ideas.]

Verabschiedet an der Delegiertenversammlung der FVS vom 26. April 1992 ©
[Passed by the assembly of delegates of the FVS on April 26, 1992]

Reprinted with permission, December 2, 2000.

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en français: http://www.librepensee.ch/
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