EUNACOM_005D -- Article 5 (19981004-A1) Deutsch (German)

Redaktions Vermerk: Hier ist ein Artikel von den Österreeichischen Freidenkern.  Quellen Kredit für Zitierungen vom Text is Bedingung.  Weiter-Veröffentlichung dieses Artikels nur mit schriftlicher Erlaubnis vom Verfasser (durch EUNACOM). 

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Anton Szanya ©

"SIE IST DAS OPIUM DES VOLKES"
Tiefenpsychologische Aspekte der Religiosität

DAS SCHEITERN DER AUFKLÄRERISCHEN RELIGIONSKRITIK

„Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritueller point d'honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. ... Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes." 1
   Diese vor hundertfünfzig Jahren niedergeschriebenen Worte gehören wohl zu denen, die am nachhaltigsten in die europäische wie auch außereuropäische Geistesgeschichte eingewirkt haben, und an denen sich noch immer leidenschaftliche Kontroversen entzünden können. Vor allem der letzte Satz vom „Opium des Volkes" hat sich seither hervorragend als verbaler Knüppel in jeder Debatte erwiesen und bewährt. So griffig diese Formulierung auch gelungen ist, so hat sie vielfach dem Anliegen Marxens abträglich gewirkt, weil die von ihr aufgewühlten Leidenschaften den klaren Blick auf die Aussage des Ganzen empfindlich getrübt haben.
    Was sagt Karl Marx denn eigentlich? In scharfer Beobachtung der Verhältnisse erkennt er die Hauptfunktionen der Religion:

· Sie bekräftigt Verhaltensregeln, indem sie die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse als in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen legitimiert.

· Sie spendet Trost angesichts des bestehenden Elends. Gerade diese letzte Funktion macht die Religion in Ermangelung oder wegen der Unerschwinglichkeit anderer zum Rauschmittel, zu dem das Volk greift, um zu vergessen, was nicht zu ändern ist.

Damit nahm Karl Marx das vorweg, was in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts der vom Verdacht marxistischen Denkens wahrlich freie Soziologe Max Weber als die gesellschaftlichen Funktionen der Religion beschreibt2:

· Normensetzung;

· Legitimierung von Herrschaft;

· Angebot einer Theodizee, also einer Erklärung dafür, daß ein angeblich guter Gott das Böse in der Welt zuläßt.

Diese Sichtweise der Religion als Funktion der Gesellschaft bewog Marx, an seine einleitend vorgestellte Diagnose auch gleich die Therapie anzuschließen, nämlich die grundlegende Kritik der Religion. Was er sich davon verspricht, führt er folgendermaßen aus: „Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertals, dessen Heiligenschein die Religion ist. Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch..."3
    Mit diesem Vertrauen auf die Kraft des Verstandes erweist sich Marx als echtes Kind der Aufklärung, deren großer deutscher Vorkämpfer, Immanuel Kant, schon sechzig Jahre zuvor die Losung ausgegeben hatte: „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"4

Die Dialektik der Aufklärung

Die Geschichte der eineinhalb Jahrhunderte, die seit der Religionskritik Marxens vergangen sind, hat jedoch gezeigt, daß dieses Vertrauen in den Verstand nicht gerechtfertigt war. Die liberale und die marxistische Religionskritik haben den Einfluß und die Macht der institutionalisierten Kirchen in beschränktem Maße zurückdrängen können; von einer Überwindung der Religion kann angesichts des Zustroms zu Sekten und esoterischen Zirkeln, angesichts des Fundamentalismus jedweder Provenienz und angesichts der verschiedenen Strömungen zeitgeistiger Spiritualität in keiner Weise die Rede sein.
    Eine Ursache hierfür liegt darin, daß auch die marxistisch orientierten Denker die historische Dialektik der Aufklärung nicht wahrgenommen haben. Drei Beispiele sollen diese historische Dialektik veranschaulichen:

· Die Beseitigung von Dogma und Vorurteil führte wohl zu einer Befreiung des Geistes, machte aber andererseits auch die grundsätzliche Ungewißheit alles Wissens offenkundig.

· Die Gelegenheit zur Selbstbestimmung des Einzelmenschen in der liberalen Gesellschaft gibt es nur um den Preis der Auflösung aller Sicherheit, wie sie in den gesellschaftlichen und familiären Bindungen der untergegangenen ständischen Gesellschaft bestanden hat.

· Das Recht auf Mitbestimmung in allen öffentlichen Angelegenheiten schrumpft in seinen Anwendungsmöglichkeiten auf das Maß dessen, was den anderen einleuchtet, was, gemessen an der Ausgangserwartung, immer nur enttäuschend gering ist.

    Für die Menschen bedeutet diese Dialektik der Aufklärung, daß sie zwar jedem, der selbstbewußt genug ist und die vorgefundenen Gelegenheiten zu nutzen versteht, Spielraum und Entfaltungsmöglichkeiten bietet, aber demjenigen, der nach Halt, Geborgenheit, Orientierung und Tröstung sucht, am Ende nichts anderes bieten kann als die Rückverweisung auf ihn selbst. Mit anderen Worten: Die Aufklärung setzt die Ich-Stärke, Orientierungssicherheit und Selbstgewißheit voraus, deren breitenwirksame Ausbildung sie durch ihren Relativismus zwar unbeabsichtigt, aber doch fortwährend untergräbt.

DER MYTHOS

In dieser Situation bietet sich nach wie vor der Mythos hilfreich an, indem er Gewißheit und Sicherheit verspricht. Damit kommt der Mythos Bedürfnissen entgegen, die von der Vernunft und dem Verstand der Aufklärung nicht erfüllt werden. Es sind dies:5

· Das Bedürfnis, die Welt als eine sinnvolle Welt begreifen zu können, indem sie auf eine letzte, sinnstiftende Ursache zurückgeführt wird.

· Das Bedürfnis, die Welt als eine unveränderliche Welt zu erleben und ihr daher auch mit Vertrauen entgegenkommen zu können.

· Das Bedürfnis, eigene Wertvorstellungen als unvergänglich zu erleben, indem sie über die eigene Person hinaus auf die Gemeinschaft, die ein viel größerer und dauerhafterer Seinszusammenhang ist als die Einzelperson, übertragen werden.

Die Wurzeln des Mythos

Bei genauerer Betrachtung sind die drei genannten Bedürfnisse nur drei Ausformungen des Versuches des Menschen, der Angst zu entfliehen. Diese Angst ist wiederum eine dreifache, nämlich:

· die Angst vor einer möglichen Sinnlosigkeit der Welt,

· die Angst vor einem plötzlichen Zusammenbruch der Welt und

· die Angst vor der Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit.

    Diese drei Ängste zusammen häufen sich zu einer allgemeinen Angst vor der Gleichgültigkeit der Welt gegenüber dem Menschen, wie sie etwa die Grundlage der Philosophie des Existentialismus bildet, den Jean-Paul Sartre6 in den fünfziger und sechziger Jahren dieses Jahrhunderts ausgestaltet hat. Der Existentialismus ist jedoch eine Philosophie des intellektuellen Heroismus, der keine breite Anhängerschaft gewinnen kann. Die Mehrheit der Menschen flieht vor dieser Angst entweder in die Oberflächlichkeit des Alltags oder eben in den Mythos, wie Leszek Kolakowski meint: „In der Tat, die Erfahrung der Gleichgültigkeit der Welt stellt uns vor die Alternative, entweder es gelingt uns, die Fremdheit der Dinge durch ihre mythische Organisation zu überwinden, oder wir werden diese Erfahrung vor uns verheimlichen in einem komplizierten System von Einrichtungen, die das Leben in der Faktizität des Alltäglichen zerreiben."7
    Woher rührt nun diese Angst, ja Urangst, mit der die Menschen der Welt gegenüberstehen? Sie geht auf zwei die Persönlicheitsentwicklung nachhaltigst prägende Erfahrungen zurück, die jeder Mensch bereits im frühesten Kindesalter macht, die er aber infolge seiner noch bestehenden Unreife nicht angemessen verarbeiten kann.

Die narzisstische Kränkung

Das ursprüngliche Lebensgefühl des Menschen ist der Narzißmus8, ein Gefühl der harmonischen Einheit mit der Welt und der Allmacht9. Deshalb wünscht sich jeder Mensch „eine Welt vorzufinden, in der es keine wesentliche Störung gibt, sondern Wohlbefinden, Ruhe, Harmonie, Spannungslosigkeit vorherrscht."10
    Jedoch schon im Säuglingsalter erlebt das Kind, daß es und die Welt etwas voneinander Verschiedenes sind und daß diese Welt nicht seinen Bestrebungen unterworfen werden kann. So mag der Säugling, wenn er hungrig ist, noch so lange schreien - wenn seine Mutter oder eine andere Person, die ihre Stelle einnimmt, nicht in der Nähe ist, wird er damit nichts erreichen können. Andere Möglichkeiten, die Stillung seines Hungers zu erwirken, hat er in seinem Alter und Entwicklungszustand aber noch nicht
    Diese und ähnliche Erlebnisse zeigen dem kleinen Menschen seine Grenzen, reißen ihn heraus aus seinen Empfindungen des Einsseins mit der Welt und lassen ihm diese unermeßlich fremd und angsteinflößend erscheinen. Dadurch erfährt der Narzißmus des kleinen Kindes eine empfindliche Kränkung, die in ihm Wut und Angst auslöst. Sein noch geringer Reifezustand hindert das kleine Kind allerdings daran, sich dieser Gefühle und ihrer Anlässe bewußt zu werden. So bleiben sie unbewußt und äußern sich lediglich in einer schwer faßlichen Grundströmung des Seelenlebens, in den sogenannten ozeanischen Gefühlen11 der Verlorenheit „wie eine Träne im Ozean."12

Der ödipale Konflikt

Länger vielleicht als die Illusion des Einsseins mit der Welt kann das kleine Kind die des Einsseins mit der Mutter aufrechterhalten. Aber auch in dieser Beziehung kommt der Augenblick, in dem das Kind bemerkt, daß es nicht eins ist mit der Mutter, ja schlimmer noch, daß es nicht einmal das einzige Liebesobjekt der Mutter ist. Denn da ist noch in der Regel der Vater oder ein anderer Mann, dem die Mutter auch ihre Liebe zuwendet, und schließlich sind da möglicherweise auch noch Geschwister, mit denen es ebenfalls die Liebe der Mutter teilen muß.
    Wieder erleidet der Narzißmus des kleinen Kindes eine schwere Kränkung. So wie das Kind seine Mutter grenzenlos bewundert hat, so wollte es auch von seiner Mutter grenzenlos bewundert werden; so wie das Kind seine Mutter vorbehaltlos idealisiert hat, so wollte es auch von seiner Mutter vorbehaltlos idealisiert werden; so wie das Kind seiner Mutter bedingungslos angenommen hat, so wollte es auch von seiner Mutter bedingungslos angenommen werden. Und nun das!
    Verschärft wird diese Situation des Kindes noch dadurch, daß es dann, wenn es seiner narzißtischen Wut gegenüber dem Vater und den Geschwistern Ausdruck gibt, indem es sie fort oder gar tot wünscht, von der Mutter dafür getadelt, vielleicht sogar bestraft wird. Da das Kind in seinem Alter seine Eltern auch noch für allmächtig und allwissend hält, weckt die narzißtische Wut in ihm auch sogleich Gefühle der Angst vor Strafe und Liebesentzug, und zwar um so größere Angst, je heftiger seine Haßgefühle gegen die Mitbewerber um die Gunst der Mutter sind. Der seelische Zwiespalt des Kindes wird noch zusätzlich schmerzlich vertieft, weil seine ablehnenden Gefühle den anderen gegenüber auch gleichzeitig im Widerstreit stehen zu Gefühlen der Liebe, der Bewunderung und der Sehnsucht, die es gleichzeitig auch gegenüber der Mutter, dem Vater und den Geschwistern hegt.
    Das Kind löst schließlich dieses unentwirrbare Knäuel an Gefühlen, für das Sigmund Freud die Bezeichnung Ödipuskomplex13 geprägt hat, indem es sie zum größten Teil verdrängt14 oder sich mit den Objekten derselben, Mutter, Vater und Geschwister, mehr oder weniger nachhaltig identifiziert.15

Das Über-Ich

Am Ende der ödipalen Phase, etwa im zehnten Lebensjahr des Kindes, steht dann als Ergebnis von Identifizierung und Internalisierung oder Verinnerlichung das Über-Ich als dritte Instanz der Psyche neben dem Es und dem Ich. Das Über-Ich ist die dauernde Repräsentanz der im Zuge der Erziehung verinnerlichten, also in die eigene Persönlichkeit aufgenommenen moralischen Vorschriften, gesellschaftlichen Verhaltensregeln und weltanschaulichen Ansichten. In diesem frühen Lebensalter ist die Ausbildung dieser wesentlichen Inhalte des Über-Ichs abgeschlossen, wenngleich im weiteren Verlauf des Lebens immer noch Umformungen eintreten. Dieser frühe Zeitpunkt der Abgeschlossenheit seiner Ausgestaltung bedingt einige Eigenschaften des Über-Ichs, die für die vorhin beschriebenen Wurzeln des Mythos im Menschen und seine weitere Entfaltung von bestimmender Bedeutung sind:

· Das Über-Ich ist eine moralische Instanz. In dieser Funktion entspricht es dem, was gemeinhin als Gewissen bezeichnet wird. Es weckt Schuldgefühle, Reuegedanken und Bestrafungswünsche, wenn gegen die übernommenen Vorstellungen von Ehrbarkeit, Sittlichkeit und Anständigkeit verstoßen worden ist. Das Über-Ich belohnt andererseits auch das Wohlverhalten, indem es Empfindungen des Erhobenseins und Erhabenseins über die anderen Menschen vermittelt. Ein gutes Gewissen ist eben ein sanftes Ruhekissen, wie schon der Volksmund weiß.16

· Das Über-Ich ist unfähig, zwischen Wunsch und Tat zu unterscheiden. Dies entspricht zwar seiner Funktion als Gewissen, als das es auch schon das Eintreten als verboten und böse eingeschätzter Wünsche in das Bewußtsein zu verhindern hat, entspringt aber auch noch dem Seelenleben des Kindes. Kinder im Vorschulalter und mitunter auch noch ältere unterscheiden nicht so streng zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, sondern beide Bereiche fließen noch ineinander. Das Über-Ich bewahrt, indem es die Grenzen zwischen dem Wirklichen und dem nur Vorgestellten verwischt, diese Unschärfe des Denkens als Grundströmung des Seelenlebens bis ins Erwachsenenalter. Die Reaktion des Über-Ichs mit Schuldbewußtsein schon allein auf verbotene Gedanken erweckt in den solcherart empfindenden Menschen den Eindruck des Vorhandenseins einer allwissenden und allgegenwärtigen Instanz, die Kenntnis selbst von den verborgensten Seelenregungen hat. Da derartige Erfahrungen nicht auf einzelne Menschen beschränkt, sondern allgemein sind, wird diese Instanz mit einer überirdischen Sphäre in Verbindung gebracht.17

· Das Über-Ich strebt nach Vergeltung. Es verlangt, daß ein Missetäter den gleichen Schaden erleiden müsse wie den, den er angerichtet hat. Diese primitive Gerechtigkeitsauffassung - primitiv einerseits, weil sie den Gerechtigkeitsvorstellungen eines Kindes entspricht, und primitiv andererseits, weil sie nur in primitiven Gesellschaften anwendbar ist - bleibt vielfach das ganze Erwachsenenleben hindurch bestimmend.

· Das Über-Ich hat die Neigung, sich Ansichten von führenden und einflußreichen Personen zu eigen zu machen. Hierin zeigt sich das Wesen des Über-Ichs, Verinnerlichung der den Eltern gegenüber untergeordneten Stellung des Kindes zu sein, ganz besonders deutlich. Jede in der Gesellschaftsordnung höhergestellte Persönlichkeit tritt für die anderen unbewußt in die Rolle des Vaters oder der Mutter ein, wodurch ihre Ansichten und Meinungen an Bedeutung und Gewicht gewinnen.18

    Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß die genannten Funktionen und Eigenschaften des Über-Ichs in aller Regel den Menschen unbewußt bleiben. Nur wenige durchschauen wie beispielsweise Bertrand Russell, daß „es aus vagen Erinnerungen an Vorschriften besteht, die man in früher Kindheit gehört hat, sodaß es niemals klüger sein kann als das Kindermädchen oder die Mutter seines Besitzers."19 Für die meisten Menschen sind hingegen die Ausdrucksformen des Über-Ichs als gesundes Volksempfinden, Achtung vor den Eltern oder Respekt vor Höhergestellten durchaus achtenswerte Charakterzüge.

Formen des Mythos

Die verdrängten Inhalte und Triebwünsche der narzißtischen Kränkung und des ödipalen Konflikts sind der Stoff, aus dem die Mythen sind. Da dieser Stoff bereits auf einer Entwicklungsstufe des Kindes geformt wird, auf der sein Ich oder Selbst noch nicht voll ausgereift ist, erfolgt seine Formung gemäß den Regeln des primärprozeßhaften Denkens,20 das sich mit den Eigenschaften

· des bildhaften, nichtsprachlichen Denkens,

· des zeitlich ungegliederten Denkens, dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowohl als Erfahrungen als auch als Kategorien fremd sind und

· des Denkens in Analogien, Anspielungen und Symbolen

charakterisieren läßt.

    Geformt durch dieses primärprozeßhafte Denken werden aus den verdrängten frühkindlichen Erlebnissen die phantastischen und symbolischen Mythen der Weltentstehung, der Menschwerdung und des Weltendes. In vielen Mythen lassen sich tatsächlich Entsprechungen zwischen den in ihnen beschriebenen Weltepochen und den Entwicklungsphasen vom Kind zum Erwachsenen erkennen. Die nachstehende Gegenüberstellung bietet einigen Beispiele zur Verdeutlichung:

Mythische Weltepoche

Menschliche Entwicklungsphase

· Gestaltloses Chaos am Beginn der Welt.

· Narzißtische Einheit des Selbst mit der Welt.

· Trennung von Himmel und Erde, Land und Wasser.

· Gewahrwerden der Verschiedenheit von Selbst beziehungsweise Ich und der Welt.

· Titanenkämpfe, Engelsstürze mit Verbannungen in die Unterwelt; Paradiesesvertreibungen und Sündenfälle mit angedrohten, aber in ihrem Eintreten unbestimmten Strafen.

· Gefühlsstürme des ödipalen Konflikts mit Verdrängungsvorgängen ins Unbewußte und Bestrafungsängsten.

· Derzeit bestehende Welt, die jedoch von Katastrophen, Götterdämmerungen oder Jüngsten Gerichten bedroht ist, wenn die Mächte der Unterwelt wieder emporsteigen.

· Abschluß der Persönlichkeitsentwicklung; das Ich ist in dauernder Abwehr der unbewußten Triebe begriffen und sieht sich von der Wiederkehr des Verdrängten bedroht.

    Von dieser Warte aus besehen sind Mythen nicht nur Versuche zur Erklärung der Welt, sondern auch - und hier beweist Marx in seiner Charakterisierung der Religion eine erstaunliche Vorausahnung tiefenpsychologischer Erkenntnisse - „die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens". Hierin liegt auch ein Teil der angstmindernden Wirkung des Mythos, weil er die Welt nach dem Ebenbild des Menschen darstellt, der sich zwar in vielerlei Hinsicht selbst nicht versteht, aber mit seinen unverstandenen Teilen zu leben gelernt hat.
    Es wurde vorhin ausgeführt, daß die Wurzeln des Mythos in der narzißtischen Kränkung und im ödipalen Konflikt zu finden sind. Je nach der Heftigkeit, mit der diese beiden seelischen Krisen erlebt worden sind, gestaltet sich die mythische Weltsicht. Im großen und ganzen lassen sich zwei solcher Sichtweisen21 unterscheiden:

· Da gibt es den Mythos, der aus dem Bewußtsein des Verschuldens erwächst, in dem die irdische Welt nur ein Ort der Verbannung und der Bewährung vor einer überweltlichen Macht ist. Diese Grundeinstellung mag die Folge einer tiefgehenden narzißtischen Kränkung und beziehungsweise oder eines mit besonderer Heftigkeit durchlebten ödipalen Konflikts sein.

· Da gibt es aber auch den Mythos, der aus einem Bewußtsein des Gläubigers entspringt, der auf künftige Utopien gerichtet ist, die noch unerfüllte Forderungen zu befriedigen haben. Dieses Bewußtsein mag einem vergleichsweise wenig beschnittenen Narzißmus entspringen.

    Beide Sichtweisen können bei ein und demselben Mythos ineinander übergehen, sodaß beispielsweise ein Weltende als Strafgericht oder Anbruch eines Neuen Zeitalters gedeutet werden kann.

Die Anziehungskraft des Mythos

Aus den bisherigen Ausführungen läßt sich nun einigermaßen schlüssig ableiten, warum die aufklärerische Religionskritik erfolglos geblieben ist, ja hat bleiben müssen:

· Seine Grundlegung erfährt der Mythos in einer Entwicklungsphase des Menschen, in der das bildhafte, anschauliche Denken noch gegenüber dem sprachlichen, logischen und analytischen überwiegt. Daher entspricht das Weltbild des Mythos auch jenen Denkmustern und wirkt somit immer wieder einleuchtender als das aufgrund abstrakter Analysen gewonnene.22

· Das frühkindliche Weltbild kennt nur eine klare Trennung von gut und böse, von weiß und schwarz. Die Auswirkungen dieser schlichten Weltsicht bestimmen auch noch die Werturteile der Erwachsenen.23

· Das mythische Weltbild kennt ebenso wie das der Kinder klare Verhaltensrichtlinien, nämlich das Wohlgefallen der höheren Mächte, mögen sie nun Gott, Vorsehung oder Eltern heißen, zu gewinnen und zu bewahren.

· Daraus folgt als letztes eine unmittelbare Beziehung zwischen dem Menschen und diesen höheren Gewalten. Ob diese nun belohnen oder bestrafen, beides erfließt aus einen persönlichen Interesse dieser höheren Gewalt an jedem einzelnen Menschen

    Demnach bietet eine nach mythischen Vorstellungen gestaltete Welt trotz aller nicht abzuleugnender Unsicherheiten - die Ratschlüsse der Götter bleiben letztlich doch unerforschlich - ein Maß an Sicherheit und Geborgenheit, das eine nach rationalen Gesichtspunkten geordnete Welt nicht vorzuweisen hat.

Religion - Die Anwendung des Mythos

Denn in vielleicht unbewußter Ahnung dessen, daß die mythische Welt nach ihrem Ebenbild geschaffen ist, und ausgehend von ihren eigenen kindlichen Lebenserfahrungen sind die Menschen davon überzeugt, ein Mittel in der Hand zu haben, mit dem sie in diese Welt lenkend eingreifen können. Dieses Mittel ist die Magie.

Magie

Der Magie liegt die Überzeugung zu Grunde, Gedanken und Worte könnten andere Menschen, Geister, aber auch unbelebte Gegenstände der Umwelt im gewünschten Sinne beeinflussen. Dieser Glaube an die Allmacht des Gedankens geht auf frühkindliche Erlebnisse zurück, die auf durchaus wirklichen Erfahrungen beruhen. Wenn das Kind sprechen lernt, entdeckt es auch, daß es damit ein Mittel zur Kontrolle, ja weitgehenden Beherrschung der Umwelt erlangt, das buchstäblich magisch ist. Mittels der Sprache kann das Kind gegenüber Mutter und Vater seine Wünsche zum Ausdruck bringen, und sie tun und bringen ihm, was es will. Diese Erlebnisse und Erfahrungen kommen dem Narzißmus des Kindes sehr entgegen. Mehr noch: nach seinen vielfachen Kränkungen, von denen bereits die Rede war, klammert er sich dermaßen an die Überzeugung von der Allmacht des Gedankens, daß es eines lange dauernden Erfahrungsprozesses bedarf, bis das Kind, lernt, daß selbst die inständigsten Wünsche an den harten Tatsachen der Wirklichkeit zerschellen. Nichtsdestoweniger bleibt der Glaube an die Allmacht der Gedanken, an die Zauberkraft von Worten bei den meisten Menschen mehr oder weniger stark das ganze Leben lang erhalten.24
    Die wohl bedeutendste und am weitesten verbreitete Erscheinungsform dieses ungebrochen Glaubens an die Allmacht des Gedankens ist das Gebet. Das Gebet ist von seiner Entstehung her im eigentlichen Sinn eine Beschwörungsformel, ein Zauber, der den Willen der Dämonen lenken soll, ähnlich wie der geäußerte Wunsch des Kindes den Willen der Eltern in die Richtung seiner Erfüllung zu lenken vermag. Mit dem Gebet, der Verbindungsaufnahme des Menschen mit den überirdischen Mächten erhebt sich die Magie von der gewöhnlichen Zauberei zur Religion. Mit Hilfe der Religion will der Mensch auf die überirdischen Mächte beeinflussend einwirken. Man kann in der Religion die praktische Anwendung des Mythos25 sehen, wie etwa die Technik die praktische Anwendung der Wissenschaft ist.
    In Analogie zu Beobachtungen von Religionsformen in gegenwärtig noch bestehenden urtümlichen Gesellschaftsformen kann angenommen werden, daß das Gebet anfänglich eine Sache der Gemeinschaft war. Die Familie, die Sippe, der Stamm trat unter Leitung eines Vermittlers, etwa des Ältesten, des Häuptlings oder des Zauberers, im Gebet vor die höheren Mächte. Dieses Gruppengebet hatte infolgedessen auch nur Anliegen und Vorhaben der betenden Gemeinschaft zum Inhalt. Dies konnte der Jagderfolg, der Erntesegen, das Gelingen eines Gemeinschaftswerkes, das Kriegsglück, der Eintritt der Jugend in die Welt der Erwachsenen und ähnliches sein.26
    Da die Zahl von derlei Anlässen begrenzt ist und diese auch mit einiger Regelmäßigkeit wiederkehren, erstarren die Gruppengebete zu bestimmten, streng reglementierten Formen, die oft über Generationen hinweg unverändert bleiben. Es entstehen Riten. Nicht zum geringsten Teil ziehen die solcherart zu kultischen Handlungen und Liturgien geronnenen Gruppengebete ihre Feierlichkeit und Erhabenheit aus der altertümlichen, manchmal auch unverständlichen, weil fremden Sprache27 und aus dem in langer Überlieferung verlorengegangenen Sinn der sie begleitenden rituellen Handlungen.
    Neben dem Gruppengebet steht das freie persönliche Gebet.28 Das persönliche Gebet tritt in zwei Spielarten auf. Die eine weist noch große Ähnlichkeit mit dem formalisierten Gruppengebet auf. Es besteht in der Aneinanderreihung sich wiederholender Formeln und Wendungen, die keinen unmittelbaren Bezug zur jeweiligen Befindlichkeit des oder der Betenden haben.29 Diese Art des Einzelgebetes hat oft den Charakter einer Opferleistung. Die in dieser Art Betenden opfern einen Teil ihrer Zeit und nehmen die Mühe und Langeweile des Aufsagens langer Litaneien auf sich.30
    Die andere Spielart ist das persönliche Gebet im eigentlichen Sinn. Der Mensch trägt in ihm Anliegen und Wünsche, zu deren Erfüllung seine Kraft nicht ausreicht, seinem Gott, Heiligen oder Schutzgeist vor. Jedoch führen derartige Gebete nie zum Eintreten des Gewünschten. Die Gebetsbitten bleiben unerfüllt. Und dennoch beten die Menschen, obwohl sie sich der unmittelbaren Wirkungslosigkeit ihres Betens durchaus bewußt sind. Die Erklärung für dieses scheinbar unsinnige Verhalten liegt darin, daß das andächtige, inbrünstige Gebet nicht ohne Wirkung auf die Empfindungen des oder der Betenden bleibt. Es können dies Erlebnisse der Tröstung, der geistigen Stärkung, der innerlichen Beruhigung sein.31 Diese subjektiven Erlebnisse, deren Echtheit nicht zu bestreiten ist, werden aus der Sicht derer, die sie haben, als Zeichen oder Antwort der jeweils angerufenen höheren Macht gedeutet, wodurch sich in den Augen dieser Menschen auch die Wirksamkeit der magischen Praktik erweist.

Priestertum

Doch zurück zum Gruppengebet. Die Neigung der Gebetsformeln und kultischen Handlungen zur Erstarrung, verbunden mit magischen Glauben an die Allmacht des Wortes, das, richtig gesprochen, sogar die Götter zwingen kann, war die Ursache zur Ausbildung des Priestertums. Auf die richtige Anwendung der Formeln kommt es im Bereich der Magie vor allem an. Ein Wort verfehlt, eine heilige Bewegung unrichtig ausgeführt, und die magische Wirkung tritt nicht ein. Die unsichtbaren Mächte haben sich nur auf eine bestimmte Formel verpflichtet.32 Diese einzig richtige und daher einzig wirksame Formel wird von den Wissenden geheimgehalten. Die Erlangung ihrer Kenntnis erfolgt nur durch einen Aufstieg über verschiedene Weihestufen, im Zuge dessen die Würdigen von den Unwürdigen getrennt werden. Auf diese Weise konstituiert sich ein Stand, der die Ausübung der Religion für sich monopolisiert. Wie vielfältig die äußerlichen Erscheinungsformen des Priestertums in Geschichte und Gegenwart auch waren und sind, ihr gemeinsamer Wesenskern liegt in dem Anspruch, im Alleinbesitz des magischen Geheimnisses zu sein, tiefere Einsicht und umfassendere Kenntnis der Offenbarungen und des Willens ihrer jeweiligen Götter zu haben.
    Wo immer in der menschlichen Kulturentwicklung das Priestertum auftritt, ist es nicht nur eine Macht, sondern strebt es auch nach Macht und sucht diese Macht auch mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu behaupten und auszudehnen. Wo es also eine Priesterschaft gibt, gibt es auch - mehr oder weniger verhüllt - eine Priesterherrschaft und einen priesterlichen Machtwillen.
    Der Hebel dieses priesterlichen Machtwillens zur Durchsetzung seiner Ziele ist das Über-Ich, dessen weiter vorne beschriebene Eigenschaften und Funktionen diesem sehr zupaß kommen:

· Die Neigung des Über-Ichs, in als überlegen empfundenen Personen sogleich ein Vaterbild zu sehen, ist für die Wirkung des Priesters auf die Laien ein unschätzbarer Vorteil. Er tritt demnach in die Rolle des Vaters, was auch in den Anreden „Heiliger Vater" oder „Pater" seinen Ausdruck findet, wie der Priester umgekehrt die Laien mit Sohn oder Tochter anredet. Aus dieser vatergleichen Stellung heraus gewinnen die Aussagen und Anordnungen des Priesters eine erhöhte Autorität und Kraft.

· Die Unfähigkeit des Über-Ichs, zwischen Wunsch und Tat eine scharfe Grenze zu ziehen, erweitert noch die Herrschaftsmöglichkeiten der Priester, da sie die Laien in einem dauernden Schuldbewußtsein gegenüber den überirdischen Mächten halten können, und zwar um so wirkungsvoller, je komplizierter die religiösen Gebote und Verbote sind. Die von den Priestern behauptete Vollmacht, im Auftrage der Götter von Schuld lösen zu können, bekrönt noch die priesterliche Herrschaftsgewalt.

· Das Streben des Über-Ichs nach Vergeltung für getanes Unrecht, das auch in Form von Selbstbestrafungswünschen als Folge des stets wachen Schuldbewußtseins zum Ausdruck kommen kann, fördert die Entstehung und Ausgestaltung von Vorstellungen eines jenseitigen Strafgerichts, die eine das ganze Leben begleitende Grundempfindung der Angst hervorrufen können. Die von den Priestern in düsteren Farben gehaltenen Bilder einer Unterwelt oder Hölle33 erweisen sich immer wieder als brauchbares Disziplinierungsmittel.

    Diese eingehende Beschäftigung mit dem Ort eines jenseitigen Strafgerichts entspringt immer wieder zu beobachtenden priesterlichen Bestrafungswünschen. Die Ausflüsse dieser Wünsche sind nicht bloß bei Strafpraktiken islamisch geprägter Staaten und Todesurteilsverkündigungen durch fundamentalistische Mullahs zu beobachten, auch christliche Kardinäle ergehen sich gerne in derartigen Vorstellungen, wobei sie ihr Bedauern, daß sie sich unter dem Einfluß der humanistisch-aufgeklärten Kultur etwas Zurückhaltung auferlegen müssen, kaum verhehlen können.34
    Zwischen Priestern und Laien besteht somit eine seltsame Wechselbeziehung. Die Priester wollen die Laien beherrschen und bestrafen; die Laien wollen sich den Priestern unterwerfen und zeigen eine hohe Bereitschaft zu leiden. In Begriffen der Tiefenpsychologie ausgedrückt, besteht zwischen Priestern und Laien eine sadomasochistische Symbiose. Sie hat ihre Ursache in den narzißtischen Kränkungen der frühen Kindheit und in der aus ihnen entspringenden narzißtischen Wut, die unter dem Druck der Erziehungsmaßnahmen nicht ausgelebt werden kann. So erscheint die Wut beim Erwachsenen im Sinne einer Reaktionsbildung35 als besondere Güte und Menschenliebe oder Aggressionslosigkeit. Die unausgelebte narzißtische Wut kann sich aber auch in den verschiedenen Formen des Sadomasochismus einen Weg des Auslebens bahnen. So kann die religiöse Persönlichkeit in verschiedenen masochistischen Ausprägungen auftreten, die sich entweder darin schickt, unerträgliche Lebenssituationen als „Kreuz" auf sich zu nehmen, oder sich in Bußübungen bis hin zu Selbstgeißelungen, Bußgürteln und ähnlichem ergeht. Es gibt aber auch die sadistische Ausprägung der religiösen Persönlichkeit, die von dem unstillbaren Bedürfnis getrieben ist, andere zu bekehren, ihnen den eigenen Glauben aufzuzwingen, bis hin zu den Charakteren der Hexenjäger und Inquisitoren. Da also die Religion mit den Enttäuschungen von grundlegenden Bedürfnissen der frühen Kindheit zu tun hat, wird sie auch immer den Sadomasochismus im Gefolge haben.36

Das Dogma - Die Entartung des Mythos

Mittel und Ausdruck des priesterlichen Machtanspruches ist das Dogma. Das Dogma - entweder als Bezeichnung für einen einzigen oder aber auch der Gesamtheit eines ganzen Systems theologischer Glaubenssätze verwendet - erfließt aus dem von den Priestern sich zugeschriebenen Naheverhältnis zu den höheren Mächten. Daraus ergibt sich zwangsläufig, daß nur sie Gültiges über deren Wesen, deren Absichten und Pläne sagen können. Daraus folgt, daß die Priester keine Freiheit für eine persönliche Gotteserkenntnis zulassen können, um nicht den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen.

Darin liegt auch die Problematik jedweden Dogmas begründet:

· Die Aussagen des Dogmas sind metaphysische, unbeweisbare Glaubenssätze, das heißt, sie werden nicht bewiesen und können es auch gar nicht werden. Schon Paulus aus Tarsos (gest. zw. 63 u. 67) ist am Versuch, beispielsweise die Auferstehung Christi zu beweisen gescheitert, wie aus dem folgenden ersichtlich ist: „Wenn nun von Christus gepredigt wird, daß er von den Toten auferweckt worden sei, wie kommt es, daß einige unter euch sagen, es gebe keine Auferstehung der Toten? Wenn es wirklich keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unser Predigen bestimmt vergeblich, und unser Glaube ist vergeblich. Überdies werden wir auch als falsche Zeugen Gottes erfunden, weil wir Zeugnis gegen Gott abgelegt haben, daß er den Christus auferweckte, den er aber nicht auferweckte, wenn die Toten wirklich nicht auferweckt werden. Denn wenn die Toten nicht auferweckt werden, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist ferner Christus nicht auferweckt worden, so ist euer Glaube nutzlos; ihr seid noch in euren Sünden. In der Tat, auch die, die in Gemeinschaft mit Christus entschlafen sind, sind verloren. Wenn wir nur in diesem Leben auf Christus gehofft haben, sind wir die bemitleidenswertesten aller Menschen. Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden, der Erstling derer, die entschlafen sind."37 Christian Morgenstern (1871 - 1914) fand für diese Art der Beweisführung die klassische Formulierung: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf."38 Das heißt, die gläubige Annahme derartiger Glaubenswahrheiten wird anbefohlen. Wie schon die eigentliche Bedeutung des Wortes Dogma - Beschluß - sagt, werden diese Glaubenssätze von einer Instanz beschlossen und ihre uneingeschränkte und allgemeine Anerkennung hängt von dem Ansehen dieser Instanz und von ihrer Macht ab, sie nötigenfalls zu erzwingen.

· Eine zweite Schwachstelle des Dogmas liegt in seinem Inhalt. Es besteht in der Regel aus angeblich der Überprüfung durch die Vernunft nicht zugänglichen Behauptungen, allen voran der Behauptung der Existenz eines Gottes oder mehrerer Götter oder sonstiger überirdischer Wesen. Der ganze Komplex religiöser Dogmen steht jedoch in dauerndem Gegensatz zu der aus der allgemeinen Erfahrung stammenden Lebenswirklichkeit der Menschen, sodaß das Priestertum, um das Dogma durchzusetzen, das Bestehen einer zweifachen Wahrheit, nämlich der auf Erfahrung beruhenden Vernunftwahrheit und der höherwertigen, auf Offenbarung beruhenden Glaubenswahrheit, behaupten muß. Die Annahme einer derartigen Behauptung ist nur unter der Bedingung der Aufgabe jedes verstandesmäßigen Denkens möglich. Dessen war sich auch schon Paulus bewußt, weshalb in seinem zweiten Brief an die Korinther die dortige Gemeinde anfeuert: "Wir stoßen alle Vernunftgründe und alles Hochfahrende um, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und wir nehmen jeden Gedanken gefangen, um ihn Christus gehorsam zu machen."39 Ist man einmal so weit gekommen, so ist es nur mehr ein kleiner Schritt bis zur Haltung des Quintus Septimius Florens Tertullianus (ca. 160 - ca. 205), der vom Dogma sagte: „Es ist glaubhaft, weil es unsinnig ist ... es ist gewiß, weil es unmöglich ist."40

· Ein dritter sehr fragwürdiger Punkt des Dogmas besteht darin, daß die Zustimmung zu ihm, der Glaube, nicht intellektuell, sondern moralisch bewertet wird. Wer das Dogma verwirft, ist ein Verworfener, er irrt nicht, sondern er frevelt. „Wer immer euch als Evangelium etwas verkündet außer dem, was ihr angenommen habt, er sei verflucht!", gibt Paulus41 auch hierzu den Ton an. Schärfer im Ton ist schon die Drohung, die Petrus (gest. zw. 63 u. 67) in seinem zweiten Brief gegen Irrlehrer ausstößt, wenn er schreibt: „Aber gleich vernunftlosen Tieren, die von Natur dazu geboren sind, eingefangen und vernichtet zu werden, werden diese Menschen in bezug auf Dinge, über die sie unwissend sind und lästerlich reden, auch Vernichtung erleiden."42

· Um ihn sich noch verfügbarer zu machen, betreibt das Priestertum häufig auch eine Vergeschichtlichung des Mythos. Diese Verbindung des Mythos mit der Geschichte forderte denn auch im Bereich des christlichen Kulturkreises schon sehr früh Kritik heraus.43 Wäre die Welterlösung tatsächlich ein Ereignis der Weltgeschichte, wandten die Kritiker an der Vergeschichtlichung des Mythos ein, dann bedürfe es keiner Vermittlung durch Priester mehr, denn eine göttliche Erlösungstat müsse wohl ebenso allumfassend sein wie es der Sündenfall der Menschen gewesen sei. Um nun das Dogma von der in der Geschichte stattgefunden habenden Welterlösung und damit auch die eigene Daseinsgrundlage zu retten, mußten es seine priesterlichen Verteidiger mit weiteren Geschichtsklitterungen stützen. Die dergestalt verfeinerte Lehre besagte dann, daß die Welt zwar grundsätzlich, aber nicht tatsächlich erlöst worden sei. Die tatsächliche Erlösung jedes Menschen sei eben die Aufgabe der Priester. Diese Aufgabe sei auch zugleich ein Auftrag, dem fallweise auch mit mehr oder weniger sanftem Nachdruck zum Erfolg verholfen werden müsse. „Zwingt sie, einzutreten!", nämlich in die Kirche, forderte Aurelius Augustinus44 (354 - 430) bereits im Jahre 411 von den Vertretern der Staatsgewalt in bezug auf die Donatisten.

    Damit ist der Weg jedweden Dogmas gewiesen. Da seine Annahme nicht durch Beweisführung und Begründung erwirkt werden kann, wird eher früher als später zur Gewalt als ultima ratio gegriffen, wenn es um seine Durchsetzung geht. Deshalb kann das Priestertum nicht auf die staatlichen Zwangsmittel verzichten, will es seine Machtstellung behaupten. Es entwickelt sich daher auch eine enge Symbiose zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Die weltliche Macht stützt die geistliche, indem sie die religiösen Vorschriften zur Richtmaß ihrer Gesetzgebung nimmt, während die geistliche Macht die weltliche durch die Ableitung aller Obrigkeit von der Herrschergewalt Gottes legitimiert.45
    „Der Mythos begann zu entarten, als er in eine Doktrin umgewandelt wurde, das heißt in ein Gebilde, das eines Beweises bedurfte und einen Beweis suchte", schreibt Leszek Kolakowski46 mit Blick auf die vorhin nachgezeichnete Entwicklung. Der Mythos ist, wie bereits gesagt worden ist, der Versuch des Menschen, der Welt einen Sinn zu unterlegen, das heißt sie so zu betrachten, als ob sie - in Analogie zu seinen eigenen Schöpfungen - einen Sinn hätte. Somit geht es dem Mythos auch gar nicht so sehr darum, im wissenschaftlichen Sinn wahr zu sein. Der Mythos erklärt die Welt, aber er analysiert sie nicht.
    Anders das Dogma, das versucht zu kategorisieren und zu katalogisieren, kurz gesagt versucht, sich - vor allem in der Konkurrenz zu der sich emanzipierenden Philosophie und den Wissenschaften - selbst den Anstrich einer Wissenschaft zu geben. Mit dem Zugriff des Dogmas auf den Mythos wurde dieser seiner Kraft, die Menschen zu ergreifen - ergriffen zu machen - beraubt. Dadurch wurde er dem menschlichen Verstand und der Kritik überantwortet, die sich an seinen Widersprüchen und Ungereimtheiten festbissen und ihren Spott über ihn ausgossen. Es war das Dogma, das den Mythos so beschädigt hat.47 Hierin liegt die Bedeutung der geflügelt gewordenen Worte „Gott ist tot" von Friedrich Nietzsche (1844 - 1900). Gott ist tot - bei Lichte besehen waren es die Priester, die ihn getötet haben.

GOTT UND TEUFEL

„Unsere Brust ist voll von entsetzlichem Mitleid - es ist der alte Jehova selber, der sich zum Tode bereitet. Wir haben ihn so gut gekannt, von seiner Wiege an, in Ägypten, als er unter göttlichen Kälbern, Krokodilen, heiligen Zwiebeln, Ibissen und Katzen erzogen wurde. Wir haben ihn gesehen, wie er diesen Gespielen seiner Kindheit und den Obelisken und den Sphinxen seines heimatlichen Niltales ade sagte und in Palästina, bei einem armen Hirtenvölkchen, ein kleiner Gottkönig wurde und in einem eigenen Tempelpalast wohnte. Wir sahen ihn späterhin, wie er mit der assyrisch-babylonischen Zivilisation in Berührung kam und seine allzu menschlichen Leidenschaften ablegte, nicht mehr lauter Zorn und Rache spie, wenigstens nicht mehr wegen jeder Lumperei gleich donnerte. Wir sahen ihn auswandern nach Rom, der Hauptstadt, wo er aller Nationalvorurteile entsagte und die himmlische Gleichheit aller Völker proklamierte und mit solchen schönen Phrasen gegen den alten Jupiter Opposition bildete und so lange intrigierte, bis er zur Herrschaft gelangte und vom Kapitole herab die Stadt und die Welt, urbem et orbem, regierte. Wir sahen, wie er sich noch mehr vergeistigte, wie er sanftselig wimmerte, wie er ein liebevoller Vater wurde, ein allgemeiner Menschenfreund, ein Weltbeglücker, ein Philanthrop - es konnte ihm alles nichts helfen. Hört ihr das Glöckchen klingeln? Kniet nieder. Man bringt die Sakramente einem sterbenden Gotte."48
    Mit diesen Worten beschrieb Heinrich Heine (1797 - 1856) das Sterben Gottes. Es dürfte aber weithin unbemerkt geblieben sein, denn noch immer sprechen die Priester magische Worte, noch immer vollziehen sie heilige Handlungen, noch immer beanspruchen sie die Macht über die Menschen. Mögen diese auch nicht mehr so willfährig sein wie in früheren Jahrhunderten und den Priestern aufmüpfiger gegenüberstehen - dies ist vielleicht der einzige Erfolg, den die aufklärerische Religionskritik an ihre Fahnen heften kann -, so besteht in ihnen doch immer noch der Glaube, daß es doch „irgend etwas geben" müsse, wie immer dieses Etwas auch beschaffen sein mag.

Das Wesen Gottes

Der Gott der monotheistischen Religionen ist eindeutig als übersteigerte Vorstellung eines Königs zu erkennen. Seine königliche Macht wird zur Allmacht überhöht, er ist umgeben von einem hierarchisch gestaffelten Hofstaat und Heer von Engeln, Cherubim und Seraphim, an deren Spitze gleich den Ministern eines irdischen Königs die Erzengel stehen. Doch nicht nur die Herrlichkeit der Könige ist in Gott übersteigert, auch ihre Schattenseiten. Der Zorn Gottes ist schrecklich und kann bis zur Auslöschung des Menschengeschlechts gehen. Die Menschen sind gleich den Untertanen eines Königs seinen Launen ausgeliefert, und jede Wohltat, die er ihnen erweist, erfahren sie in dem Bewußtsein ihrer Unverdientheit. Wie vor einem irdischen König erniedrigen sich die Menschen vor ihrem Gott, indem sie beim Gebet in die Knie sinken oder sich zu Boden werfen und sich ihrer Unwürdigkeit im Vergleich zu ihm bezichtigen. Und sie schmeicheln ihm auch, indem sie unausgesetzt seine Größe, seine Gnade, seine Güte und seine Liebe preisen.
    Das ist das Bild Gottes, wie es die Religionsstifter Moses, Paulus und Mohammed (570 - 632) entworfen und Propheten und Priester immer weiter ausgestaltet haben. Einerseits soll die Großartigkeit des so dargestellten Gottes Eindruck auf die Laien machen und andererseits auch das Ansehen der Priester heben: Was für großartige, erhabene Menschen müssen sie sein, wenn sie mit diesem gewaltigen Himmelskönig in Verbindung treten, in seinem Namen Handlungen setzen können, an die selbst Er sich gebunden fühlt.
    Neben dieser offiziellen Seite hat Gott auch eine mehr private, wenn er gleichsam als überhöhter Vater die Anlehnungsbedürfnisse der Menschen erfüllt. Es sind vor allem drei Funktionen, die ihm diesbezüglich von den Menschen zugewiesen werden:49

· Gott ist der unendliche Sinngarant: Es ist bereits mehrfach darauf hingewiesen worden, daß es ein Urbedürfnis des Menschen ist, die Welt geordnet und sinnvoll zu begreifen. Wie stark dieses Bedürfnis ist, zeigt sich daran, daß der Mensch sogar versucht, selbst in das verwirrende Bild des bestirnten Nachthimmels eine Ordnung zu bringen, indem er es zu Sternbildern gruppiert, damit aus dem Chaos ein Kosmos werde.50 Ebenso bedarf der Mensch der Gewißheit der Sinnhaftigkeit seines Lebens. Er ist immer auf der Suche nach einem Sinn, und er erträgt nichts weniger als die allgemeine Sinnlosigkeit, die ihm so oft aus dem Leben der einzelnen wie der Völker entgegenstarrt. Da auch das All anscheinend völlig sinnlos ist, bringt der Mensch unablässig Vorstellungen hervor, die einen Sinn im Weltgeschehen mutmaßen lassen, denn so erträgt sich das Schicksal leichter. Gott ist die letzte und sicherste Gewährleistung dafür, daß hinter allem, was vorkommen mag, und sei es auch noch so schrecklich, ein Sinn vorhanden ist, übersteige er auch das Fassungsvermögen des menschlichen Verstandes.

· Gott ist das absolute Du: Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Er kann als vereinzeltes Individuum nicht auf Dauer leben ohne Schaden an seiner seelischen Gesundheit zu nehmen. Er bedarf eines Gegenübers, mit dem er sich austauschen kann. In der modernen Massengesellschaft mit ihren Merkmalen der technokratischen Anonymität, der Asozialität und Unsolidarität entbehren immer mehr Menschen eines lebendigen Gegenübers. Sie schaffen sich dann ein irreales, ein phantasiertes Gegenüber, an das sie sich in ihrer Einsamkeit unter all den anderen Menschen wenden können, ein Gegenüber, das immer und überall für sie da ist.51 Mit diesem Gegenüber führen sie dann ihre inneren Monologe, die sie jedoch als Dialoge mit der Gottheit mißverstehen.

· Gott ist das Ich-Ideal: Die vielfachen Einschränkungen, die die Gesellschaft der freien Entfaltung der Persönlichkeit entgegenstellt, führen dazu, daß die Menschen die Entfaltung ihres Ichs in wunscherfüllenden Phantasien außerhalb ihres engen Lebenskreises verlegen. Sie suchen sich ein „Ich-Ideal". Dieses kann eine herausragende Persönlichkeit der Geschichte sein, der sie sich verbunden fühlen und die Vorbildcharakter für sie hat. Dieses kann ein Zeitgenosse oder eine Zeitgenossin sein, deren Überlegenheit man sich unterwirft, um an ihr teilzuhaben. Allen narzißtischen Größenvorstellungen und Allmachtsphantasien kommen aber am vollkommensten die Vorstellungen eines allmächtigen Gottes und eines Naheverhältnisses zu ihm entgegen. Ich-Ideal und Gottesvorstellung verschmelzen dann zu einem fast ununterscheidbaren Ganzen, das zum kostbarsten Seeleninhalt und zur Zielvorstellung alles Seins und Werdens wird.

    Es ist vor allem dieses private Gottesbild, das sich jeder Religionskritik am beharrlichsten entzieht. Während der Himmelskönig mit seinen Thronen und Heerscharen, mit seinen Cherubim und Seraphim auf die meisten Menschen keinen Eindruck mehr macht, bleibt der Himmelvater für sie nach wie vor unentbehrlich.

Gott ist ein Selbstobjekt

An diesem Punkt nun stellt sich die Frage, warum der Mensch überhaupt eine Gottesvorstellung braucht. So einleuchtend die obigen Ausführungen auch seien, sie widerlegen nicht den Umstand, daß die Menschen von der Anlage ihrer Aufwachsbedingungen her eher einander als einen Gott nötig hätten.
    Der übliche Weg, wie es doch dazu kommt, ist der, daß zu einem Zeitpunkt der Entfaltung des kindlichen Selbst, zu dem manches noch in Fluß ist und der Entwicklung im Austausch mit dem Selbstobjekt52 bedürfte, die Mutter Gott als ein Selbstobjekt einführt. Sie lehrt das Kind beten oder erzählt ihm von Gott. Für das Kind ist das, was für die Mutter innere Realität ist, natürlich genauso Realität wie die Mutter selbst und es merkt wohl auch, daß die Mutter mit einem besonderen Gefühl der Bedeutung und Erhobenheit und mit einer inneren Gewißheit spricht, die sie eine Ruhe und Verbundenheit ausstrahlen läßt, die sich dem Kind mitteilen. Diese Gefühle kennt das Kind sehr gut, es sind die Gefühle, die es für die Entwicklung seines Selbst gerade braucht. Was liegt also näher, als dieses Angebot der Mutter anzunehmen und so ein zweites Selbstobjekt zu etablieren, das die Funktion des ersten ebenso erfüllen kann?
    Jetzt hat das Kind also zwei Selbstobjekte: ein reales, die Mutter, und ein inneres, phantasiertes, Gott. Die Beziehung zum phantasierten Selbstobjekt Gott wird im weiteren Verlauf der Entwicklung des Selbst immer dann in Funktion gesetzt, wenn die Beziehung zum realen Selbstobjekt nicht befriedigend ist. Da die Entwicklung des Selbst und die Übernahme der Funktionen des Selbstobjekts in die eigene Persönlichkeitsstruktur jedoch über die schrittweise erträgliche Versagung des Selbstobjekts erfolgen, bleiben bestimmte Persönlicheitsbereiche auf ihrer kindlichen Entwicklungsstufe eingefroren, denn das phantasierte Selbstobjekt versagt sich nie. Das bedeutet, daß es zu keiner Ablösung von dem phantasierten Selbstobjekt kommt, daß der betreffende Mensch sich mit diesen Teilen seiner Persönlichkeit nicht vom kindlichen Zustand emanzipiert.
    Deshalb ist Gott ein Selbstobjekt, von dem man nichts lernen kann. Denn entweder ist es der Gott, wie ihn die Priester ausmalen - ewig, allmächtig und unveränderlich -, oder es ist der Gott der Phantasie, dann ist er so, wie ihn die narzißtischen Bedürfnisse des jeweiligen Menschen haben wollen. In beiden Fällen erfüllt er die Bedürfnisse nach Angenommenwerden - und sei es auch im Strafen -, nach Idealisierung und nach Anerkennung. Welcher Gott es auch immer ist, er enttäuscht diese narzißtischen Grundbedürfnisse nie, sodaß sich der Mensch lieber diesem phantasierten Gegenüber anvertraut als einem realen, das keine Gewähr gegen Enttäuschungen bietet.

Das Wesen des Teufels

Wie alle Gefühle, so sind auch die Gefühle der Demut, der Frömmigkeit, der Liebe gegenüber Gott ambivalent.53 Da nun in allen Religionen die Menschen wieder zu Kindern werden, die ihre Götter und Priester als Eltern betrachten, ist die Ambivalenz ihrer Gefühle diesen gegenüber besonders heftig, und ebenso heftig sind die Ängste vor der Bestrafung für die "bösen" Regungen ihnen gegenüber. Diese Regungen werden daher vom göttlichen Ich-Ideal abgespalten und auf eine andere Figur projiziert - auf den Geist des Bösen. Diese Imago des Bösen ist daher in den sogenannten monotheistischen Religionen untrennbar wie ein Schatten mit Gott verbunden. Dabei läßt sich in der Religionsgeschichte beobachten, daß die Verkörperung des bösen Prinzips in gleicher Weise an Größe und Macht zunimmt wie sich aus der Schar der Götter ein Vatergott erhebt, alle anderen entweder verdrängt oder zu niederen Geistern hinabdrückt und zum allmächtigen Himmelskönig emporwächst. Schon in der Religion des Zarathushtra, der zwischen dem sechsten und zehnten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte, stand dem guten und weisen Gott Ahura Mazda sein Zwillingsbruder, der böse Geist Ahra Mainyu gegenüber. Der jüdische Gott Jahwe findet seinen Widersacher in Satan, dem klügsten und schönsten der Engel. Dieselbe Gegnerschaft findet sich im Christentum, wo einander Gott und Teufel gegenüberstehen, und im Islam, wo Allah in Iblis den Gegenspieler findet, den er nicht überwinden kann.54 Von dieser Warte aus betrachtet, sind alle Eingottreligionen im Grunde Zweigottreligionen.
    Als Gegenbild des guten Gottes und als Verkörperung der von den Religionen verpönten Wesenszüge des Menschen kann man an der Gestalt des Teufels die folgenden Eigenschaften ausmachen:55

· Der Teufel ist der Repräsentant der Rebellion und des Machtwillens. Er hat von Anfang an gegen Gott rebelliert und wurde von diesem in die Unterwelt verstoßen, von wo aus er weiterhin versucht, die göttlichen Pläne zu durchkreuzen. So verführt er die ersten Menschen, und seither sind alle Menschen, die sich gegen die bestehenden Verhältnisse auflehnen, verdächtig, mit ihm im Bunde zu stehen. Der Teufel kann somit durchaus als Vorkämpfer der menschlichen Autonomie gegenüber der Unterwerfung des Menschen unter Herrschafts- und Machtinteressen gelten.

· Der Teufel ist der Repräsentant der Intelligenz.56 Er verkörpert Klugheit, Vernunft, List und Verschlagenheit und lehnt jede blinde Gläubigkeit ab. Es ist nur folgerichtig, daß die Priester aller Religionen in der Wissenschaft und im Erkenntnisdrang Werke und Wirkungen des Teufels erkennen und Wissenschafter als Teufelssöhne und Zauberer bei den Menschen in Mißkredit zu bringen versuchten und teilweise immer noch versuchen.

· Der Teufel ist der Repräsentant der Sexualität. Häufig wird der Teufel auch mit wüsten und perversen Orgien seiner Anhängerinnen und Anhänger in Verbindung gebracht, bei denen er im Mittelpunkt steht. Vor allem das leib- und lustfeindliche Christentum hob diese Züge des Teufels besonders hervor.

· Der Teufel ist der Repräsentant der Analität. Oft wird bei Beschreibungen des Teufels hervorgehoben, daß seine Welt ein Bereich des Schmutzes, des Gestanks und des Ungeziefers sei. Wo immer er erscheint, umweht ihn der Geruch nach Kot und Schwefel. Die Hölle ist nicht nur ein Ort der Quälerei, sondern auch eine riesige, stinkende Kloake, in der die gemarterten Seelen im Dreck ersticken. Die Hölle und der Teufel werden auf diese Weise zum grellen Gegenbild des Lichtes und der Reinheit des Himmels und Gottes.

    Der Geist des Bösen steht somit für alle Wesenszüge des Menschen, die einer starken Unterdrückung und Verdrängung durch die herrschende Moral unterliegen. Er dient damit als Objekt, auf das alles Böse projiziert werden kann, wodurch auch der seelische Druck der Schuldgefühle etwas gemildert wird, weil die verbotenen Regungen, Wünsche und Taten als auf die Einflüsterungen eines übermächtigen Verführers zurückgehend dargestellt werden können.
    Der Teufel ist aber auch Ausdruck der Paranoia, in die die Menschen von den monotheistischen Religionen getrieben werden. Diese Paranoia, dieser Verfolgungswahn ist eine treibende Kraft dafür, daß überall die Machenschaften des Satans gewittert werden, die auszurotten eine verdienstvolles Werk ist, um die Liebe des gestrengen Königs im Himmel zu gewinnen. Angefeuert von den Ausrottungsphantasien gegenüber den Feinden Jahwes im Alten Testament, die auch Eingang in das Neue Testament und den Koran gefunden haben, ergingen und ergehen sich Christen, Muslime und Fundamentalisten jeglicher Art in Pogromen, Kreuzzügen, Heiligen Kriegen, Terroranschlägen und Todesdrohungen.

Der Tod des Teufels

Wenn weiter vorne davon die Rede war, daß die Aufklärung mit ihrer Kritik an den religiösen Dogmen wesentlichen Anteil am Tod Gottes hatte, so gilt dies auch für den Teufel. Auch er stirbt, aber er stirbt auf eine andere Weise. Seit Beginn des vorigen Jahrhunderts gewinnt der Teufel in der Literatur zunehmend angenehmere Züge. Er wird zum Lichtbringer, zum Aufklärer, dessen Aufstand gegen Gott in den berechtigten Zweifeln an dessen Güte und Gerechtigkeit begründet ist,57 bis sich zuletzt sogar die Rollen vertauschen.58 Es ist zuletzt der Teufel, der den paranoiden Dualismus von gut und böse aufhebt und zu einer dialektischen Einheit zusammenfügt, wenn er dem Abgesandten Gottes entgegenschleudert: „Willst du nicht so gut sein, einmal darüber nachzudenken, was dein Gutes täte, wenn das Böse nicht wäre, und wie alle Erde aussähe, wenn die Schatten von ihr verschwänden? Kommen doch die Schatten von den Dingen und den Menschen. Da ist der Schatten meines Degens. Aber es gibt auch die Schatten der Bäume und der Lebewesen. Du willst doch nicht etwa den Erdball kahl scheren, alle Bäume und alles Lebende von ihm entfernen und deine Phantasie an nacktem Licht ergötzen? Du bist dumm."59
    Lediglich die Religionen halten am überkommenden Bild des Teufels fest,60 und bestätigen damit, was Theodor Reik bereits im Jahr 1922 festgehalten hat: „Wer den Teufel wirklich abschafft, kann an Gott nicht mehr glauben, denn die beiden Gestalten sind nur die einander ergänzenden Teile eines früher einheitlichen Ganzen."61

DIE IDEOLOGIE

Weiter vorne ist gesagt worden, daß das Dogma den Mythos beschädigt hätte. Zumindest unter den Menschen, auf die die Grundgedanken der Aufklärung Einfluß genommen haben, hat die Spielart des Mythos, die aus dem Bewußtsein des Verschuldens erwächst, erheblich an Bedeutung verloren. Der aufgeklärte, selbstbewußte Mensch konnte sich nicht dazu verstehen, sich als von vornherein schuldig zu sehen. Ganz im Gegenteil, die Aufklärung beinhaltet den Auftrag an den Menschen, mit Hilfe der Vernunft und des Verstandes die Gebrechen der Welt und der Gesellschaft zu beheben. Es gewann also die Spielart des Mythos an Gewicht, die dem Bewußtsein des Gläubigers entspringt, das heißt der Mythos, der in seinen Bildern die Verheißungen der Zukunft darstellte. Daraus entwickelten sich die Mythen der Moderne, wie da sind:

· Der Mythos der Erlösung aus den Fesseln von Unwissenheit und Aberglaube durch fortschreitende Aufklärung.

· Der Mythos der Versöhnung mit der Natur, wenn der Mensch seine irrige Ansicht, die herausgehobene Krone der Schöpfung zu sein, aufgegeben haben wird.

· Der Mythos vom ewigen Frieden, der durch den Abbau von Vorurteilen und durch vernunftgeleitete Machtausübung herbeigeführt werden könne.

· Der Mythos von der Enträtselung der Geschichte, wenn die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz wird beantwortet werden können.

    Allen diesen Mythen gemeinsam ist, daß sie nicht um überirdische Dinge kreisen, sondern den Menschen und seine Zukunftshoffnungen zum Inhalt haben.

Formen der Ideologie

Aus dem Mythos ist die Ideologie geworden, die dem Menschen die Beseitigung der Hemmnisse auf dem Weg zu den vorgestellten Zielen verspricht. Dabei kann die Erreichung dieser Ziele auf zwei Wegen erfolgen:

· Der Individualismus ist bestrebt, die unheimliche Einsamkeit des Menschen in einer gleichgültigen Welt zur eigentlichen Größe des Menschen zu überhöhen. Monadenhaft, losgelöst von allem - dies die eigentliche Bedeutung des Wortes "absolut" - steht der Mensch nur mehr sich selbst gegenüber, kann er nur mehr mit sich selbst Umgang haben.

· Der Kollektivismus läßt an die Stelle der organischen Formen des Zusammenlebens Parteien, Gewerkschaften, Vereine, Kirchen, Sekten und ähnliches treten. Das Individuum überantwortet seine Entscheidung und seine Verantwortlichkeit an ein unpersönliches Kollektiv. Wichtig ist nicht mehr die Person als Mensch, sondern die Person als Trägerin einer Funktion für das Kollektiv. Echte Gemeinschaft entsteht in diesem Klima nicht, weil in Kollektiven in erster Linie ideologisch erstarrte Ziele durchgesetzt werden. Die Einsamkeit des Menschen wird durch die Scheingemeinschaft der Massen übertüncht.

    In Kollektivgruppen delegiert der Mensch sein Ich-Ideal an eine Führerpersönlichkeit. Er verliert dadurch zwar seine Selbständigkeit, bekommt dafür jedoch eine Gruppenidentität, die ihm Zugehörigkeit und die Orientierung an einem gemeinsamen Ziel vermittelt und damit die Angst und die Einsamkeit hintanhält sowie auch Schutz und Sicherheit bietet. Eine Funktion der Ideologie ist es also, durch Vorausgreifen die Vollkommenheit derjenigen Welt darzustellen, zu der sie den Zugang verschaffen will. „Der Unterschied zu religiösen Glaubenssystemen ist damit vernachlässigbar", heißt es darum bei Sigrun Rossmanith in ihren Betrachtungen zur Ideologie.62

Wie eine Ideologie entsteht

Ein Schulbeispiel dafür, wie es zur Entstehung und Ausgestaltung einer Ideologie kommen kann bietet das Schicksal der Forschungen und Lehren von Karl Marx. Wie schon anfangs festgehalten, stand Marx in der geistigen Tradition der Aufklärung, ebenso wie sein Kampfgefährte Friedrich Engels (1820 - 1895). Aus dieser aufklärerischen Haltung heraus betonte Engels gegenüber Paul Lafargue (1842 - 1911): „Die marxistische Theorie ist eine lebendige Theorie, nicht eine Sammlung von Dogmen, die auswendig zu lernen und aufzusagen sind."63 Es war Vladimir I. Lenin (eigentlicher Name Uljanow, (1870 - 1924), der einen ersten wichtigen Anstoß zur Ideologiewerdung des Marxschen Gedankengebäudes gab, als er es im Jahre 1908 mit den Worten charakterisierte: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt."64 Die Behauptung der Allmächtigkeit einer Lehre und ihrer Fähigkeit, ein geschlossenes Weltbild zu vermitteln, war der erste Ansatz, aus einer wissenschaftlichen Theorie eine Ideologie zu machen, die auf dem Mythos der Menschheitserlösung, hier im besonderen der Erlösung durch den Kampf, die Leiden und den endlichen Sieg der Arbeiterklasse, beruhte. Diese Ideologisierung fand Anklang. Als Beispiel unter vielen sei Angelica Balabanoff herausgegriffen, die in den zwanziger Jahren im Sinne Lenins schrieb: „Dank Marx, ... dem größten aller Materialisten ... hat sich die materialistische Philosophie zu einer geschlossenen, harmonischen und konsequenten Weltanschauung entwickelt."65 Wie bei Lenin schimmert auch in diesem Satz der Wunsch nach einem allseits abgerundeten Denksystem durch, einem Denksystem, das alles erklärt und dem keine unliebsamen Überraschungen mit widersprüchlichen Tatsachen widerfahren. Diese Philosophie galt Balabanoff als geistige Waffe im Klassenkampf, von dessen eindeutigem Ausgang sie überzeugt war. „In diesem Kampfe", meinte sie daher, „müssen die herrschenden Klassen unterliegen, die Aufstrebenden haben die soziale Entwicklung für sich."66 Damit war in die marxistische Philosophie auch noch die Teleologie eingeführt worden. Die Teleologie, die Anschauung von der Zielgerichtetheit des geschichtlichen Prozesses ist ein typisches Element des religiösen oder ideologischen Denkens, aber mit einer wissenschaftlichen Weltanschauung im Grunde unvereinbar. Die gleichsam kanonisierte Formel des Dogmas „von der welthistorischen Rolle des Proletariats als Totengräber des Kapitalismus und Schöpfer der kommunistischen Gesellschaft, von der Diktatur des Proletariats als entscheidendem Mittel der Arbeiterklasse zur Verwirklichung ihrer historischen Mission"67, erfolgte schließlich in den fünfziger Jahren. Wenn Günter Grass (geb. 1927) einmal darüber spöttelte, daß so „viele vom Proletariat wie von einer Marienerscheinung schwärmen"68, so kritisierte er damit die Entwicklung der marxistischen Philosophie zu dem, was Irakli Dschordschadse, der Präsident der Stalin-Gesellschaft offen aussprach, als er Josef W. Stalin (eigentlicher Name Dschugaschwili, 1879 - 1953)als den Mann pries, der „den Leninismus geschaffen hat, die Leninsche Religion."69 Damit hat sich der Kreis geschlossen. Die letzten Epigonen geben unumwunden, wenn auch wohl unbeabsichtigt, zu, daß sie den Marxismus zu dem gemacht haben, das zu beseitigen sein Begründer angetreten ist - zu Opium. Womit das, was Sigrun Rossmanith über die Unterschiede zwischen Religion und Ideologie sagt, bestätigt ist: Sie sind vernachlässigbar.

FÜR IMMER KIND?

Damit ist aber auch der Zeitpunkt gekommen, auf die bis hierher entrollte Gedankenkette noch einmal zusammenfassend zurückzublicken.
    Die Suche nach den Gründen für das Scheitern der aufklärerischen Religionskritik führte zum Mythos, der die Grundbedürfnisse der Menschen nach Sinnhaftigkeit und Sicherheit ihres Daseins und der sie umgebenden Welt zur Grundlage hat.
    Die Wurzeln dieses Bedürfnisses wurden in den frühesten Kindheitserlebnissen der narzißtischen Kränkung und des ödipalen Konflikts gefunden. Diese zwei Erlebnisse können wegen der zur Zeit ihres Eintretens noch ungenügenden Reifestandes der seelischen und geistigen Entwicklung nicht angemessen verarbeitet werden und werden daher ins Unbewußte verdrängt und auch dort gehalten. Von dort aus wirken sie jedoch ständig in das Bewußtsein hinein, indem sie den genannten Grundbedürfnissen immer neue Energie zuführen.
    Es sind, vereinfacht ausgedrückt, die narzißtischen Allmachtsphantasien, die dem Menschen vorspiegeln, ihm mit der Magie und der Religion Mittel zur Beeinflussung des Unerklärlichen in die Hand gegeben zu haben. Beide erweisen sich jedoch als sehr zweifelhafte Mittel, weil sie den Menschen in zweifacher Hinsicht in eine kindliche Abhängigkeit stoßen. Zum einen werfen sich die Priester als Sachverständige im Umgang mit den höheren Mächten zu Beherrschern der Menschen auf, zum anderen unterwirft sich der Mensch selbst einem Bündel von Projektionen, die sich zu den Vorstellungen von Gott und Teufel verdichten.
    Unter dem Druck der Konkurrenz der antiken Philosophie haben die Priester der christlichen Religion eine Scheinwissenschaft entwickelt - die Dogmatik. Unter der Argumentationskraft der Aufklärung hat sie jedoch ihre Glaubhaftigkeit verloren. Dadurch konnte zwar die Kraft der Religionen und der Kirchen geschwächt werden, die seelischen Grundbedürfnisse blieben aber weiterhin unbefriedigt.
    An die Stelle der ins Jenseits weisenden Religionen treten innerweltlich orientierte Ideologien, die jedoch aus den ungestillten Bedürfnissen nach Sicherheit und Sinnhaftigkeit hervorgehen. Ideologien nehmen daher das Wesen von Religionen an70 und haben für viele Menschen auch den gleichen Stellenwert in ihrer Wertordnung.
    Von der Warte der Psychoanalyse aus gesehen, handelt es sich bei Religion und Ideologie um eine infantile Regression das heißt um einen Rückfall in Denk- und Verhaltensmuster, der wegen der unerkannten und unaufgearbeiteten frühkindlichen Traumata zwanghaft erfolgt. Ausdruck gibt diesem verhängnisvollen Kreislauf mit feinem Gespür der Evangelist Matthäus, wenn er Christus die Aufforderung in den Mund legt. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die kleinen Kinder, so werdet ihr auf keinen Fall in das Königreich des Himmels eingehen."71
    Wie gerade die Ereignisse der Gegenwart deutlich zeigen, bergen Religionen und Ideologien wegen ihres Wesens als Neurose ein stets gefährliches Potential an Irrationalismus und Gewaltbereitschaft. Es muß daher Aufgabe sein, Erziehungsstile und Bildungsformen zu entwickeln, die die Krisen der narzißtischen Kränkung und des ödipalen Konflikts nicht zu Traumata werden lassen, sondern sie zum Anstoß einer seelischen Weiterentwicklung machen. Dies ist gemeint, wenn der Pädagoge und Psychologe Gustav Wyneken (1875 - 1964) in Paraphrasierung der zitierten Evangelienstelle die Menschen auffordert: „Wenn ihr nicht endlich aufhört, zu sein wie die Kinder, werdet ihr nie das Reich des Menschen bauen."72

Wien, am 21.5.1994

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Anmerkungen:
1 Karl Marx: Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; Einleitung (1844). In: Iring Fetscher (Hg.): Karl Marx - Friedrich Engels; Studienausgabe in 4 Bänden. Bd 1: Philosophie. Frankfurt am Main: Fischer 1971. S. 17

2 Peter L. Berger, Brigitte Berger: Wir und die Gesellschaft; Eine Einführung in die Soziologie - entwickelt an der Alltagserfahrung. Reinbek: Rowohlt 1977. S. 258/259.

3 Karl Marx: Kritik, a.a.O. S. 18.

4 Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Karl Vorländer: Philosophie der Neuzeit; Die Aufklärung. Reinbek: Rowohlt 1969. S. 246. (=Geschichte der Philosophie V. Hervorhebungen im Original).

5 Die folgenden drei Punkte sind eine gestraffte Wiedergabe der diesbezüglichen Ausführungen in: Leszek Kolakowski: Die Gegenwärtigkeit des Mythos (Obecnosc mitu, 1972). München, Zürich: Piper 1984. S. 14-16.

6 „Sartre nennt sich Vertreter des 'atheistischen Existentialismus'. Wenn es keinen Gott gibt, so argumentiert er, ist der Mensch auch nicht von Gott erschaffen, er existiert also, ohne daß sein Wesen vorher bestimmt worden ist. ... Da kein höheres Wesen über dem Menschen steht, ist der Mensch frei und darum allein verantwortlich für seine Handlungen. Da Gott nicht existiert, gibt es auch keine absoluten Werte, auf die der Mensch sich berufen könnte. Der Mensch steht allein, er findet außerhalb seiner Welt keinen Halt, keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung. ... Sartres atheistische und wertfreie Philosophie mußte notwendigerweise zu dem Schluß kommen, daß diese unsere Welt und das menschliche Leben selber ohne Sinn, ja völlig überflüssig seien." (Josef Theisen: Geschichte der französischen Literatur. Stuttgart u.a.: Kohlhammer 31971. S. 363/364. Hervorhebungen im Original.)

7 Leszek Kolakowski: Die Gegenwärtigkeit des Mythos, a.a.O. S. 104. Hervorhebungen im Original.

8 Sigmund Freud leitete diese Begriffsbezeichnung von dem Jüngling Narkissos aus der griechischen Mythologie ab. Narkissos verliebte sich dermaßen in sein eigenes Spiegelbild, daß er die Welt rings um ihn und insbesondere die Liebesseufzer der ihn begehrenden Nymphe Echo nicht mehr wahrnahm.

9 „...jeder Mensch trägt aus dem seinerzeitigen Erleben des Kindes, als es noch Eins war im Mutterleib, und post partum im seelischen Erleben noch ungeschieden von der ersten Bezugsperson, dieses Gefühl einer narzißtischen Harmonie und Allmacht." (Sigrun Roßmanith: Religion als Forschungsgegenstand der Tiefenpsychologie, in: der freidenker 3/91. S. 7.)

10 Sigrun Roßmanith: Religion als Forschungsgegenstand, ebenda. Die Vorstellungen eines Paradieses oder Goldenen Zeitalters in ferner Vergangenheit und die Utopien einer harmonischen Gesellschafts- und Staatsordnung haben ihren Ursprung im Narzißmus.

11 Sigmund Freud berichtet im Jahr 1930, daß dieser Ausdruck von seinem Freund Romain Rolland stammt. „Ich hatte ihm meine kleine Schrift zugeschickt, welche die Religion als Illusion behandelt, und er ... bedauerte, daß ich die eigentliche Quelle der Religion nicht gewürdigt hätte. Diese sei ein besonderes Gefühl, das ihn selbst nie zu verlassen pflegt, das er von vielen anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung der 'Ewigkeit' nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam 'Ozeanischem'." (Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt am Main: Fischer 1972. S. 65, auch Anm. 1 dortselbst.)

12 So der Titel einer Romantrilogie von Manés Sperber (1905 - 1984) aus den Jahren 1949 bis 1951.

13 Der sagenhafte König Oidipous, latinisiert Ödipus, von Theben tötete seinen Vater Laios und heiratete seine Mutter Iokaste. Allerdings entsprangen diese Taten des Ödipus nicht dem nach ihm benannten Komplex, weil er als ausgesetztes Kind seine Eltern gar nicht gekannt hat. Da Freud den Kern des sogenannten ödipalen Konflikts darin sah, daß der Sohn unbewußt seinen Vater zu beseitigen wünscht, um dessen Stelle bei der Mutter einzunehmen, wählte er aufgrund der oberflächlichen Entsprechung der Taten des Ödipus mit den angenommen unbewußten Wünschen des Sohnes die Bezeichnungen „Ödipuskomplex" oder „ödipaler Konflikt".

14 Mit Verdrängung bezeichnet die Psychoanalyse einen Vorgang, bei dem das Ich, also die Instanz der Psyche, die für die Steuerung der Triebe und ihre Anpassung an die Bedingungen der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zuständig ist, ihm dieser Anpassung gefährlich erscheinende Triebwünsche und Bewußtseinsinhalte von sich abspaltet und dem Unbewußten, dem Es, zuschlägt. Das Ich ist daraufhin jedoch gezwungen, den andauernden Bestrebungen des Es, diese Inhalte wieder in das Bewußtsein zu heben und damit zur Befriedigung zu bringen, dauernden Widerstand entgegenzusetzen. Das Ich entlastet sich von diesem Druck, indem es den verdrängten Triebwünschen in wunscherfüllenden Phantasien, die in Gestalt von einfachen Tagträumen bis zu dichterischen und mythologischen Vorstellungen auftreten können, eine teilweise und ungefährliche Befriedigung ermöglicht.

15 Das Wesen der Identifikation besteht darin, daß das Ich sich einer geliebten und verehrten wie auch einer gehaßten und gefürchteten Person so weit anähnelt, daß sie letztlich nicht mehr als ein außerhalb des Ichs stehendes fremdes Objekt empfunden wird. Im Zuge der Identifizierung erfährt das Ich eine Erweiterung sowohl im Guten wie im Schlechten. Ihren äußeren Ausdruck findet die Identifizierung, wenn ein Mensch Verhaltensweisen, Bewegungen, Sprachgewohnheiten und anderes der als Identifikationsobjekt dienenden Person annimmt.

16 Ein gut beobachtetes Beispiel der Wirkungen des Über-Ichs auf die seelische Befindlichkeit bietet die nachstehende Szene aus dem Neuen Testament: „Zwei Männer gingen in den Tempel hinauf, um zu beten, der eine ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand da und begann folgendes bei sich zu beten: 'O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Erpresser, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe.' Der Zöllner aber, der in einiger Entfernung stand, wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich wiederholt an die Brust und sprach: 'O Gott, sei mir Sünder gnädig.’" (Lk 18, 10-13)

17 In polytheistischen Religionen nimmt diese Projektion des Über-Ichs in den Himmel beispielsweise die Gestalten der Erinnyen oder Furien an. In monotheistischen Religionen wird das Über-Ich zu den Eigenschaften der Allgegenwart und Allwissenheit Gottes.

18 „Tatsächlich hat die analytische Erfahrung ... ganz klar ergeben, daß jeder, zu dem man als Älterem, als einem in der Position überlegener Weisheit, Autorität oder Fähigkeit Befindlichem aufblickt, unbewußt eine Elternfigur darstellt. ... Der Präsident einer Republik wird unbewußt genauso als ein Vater betrachtet - wie Gott oder ein Diktator oder ein von Gott gesalbter König oder ein kaiserlicher Halbgott als Vater gilt." (Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse (An Elementary Textbook of Psychoanalysis, 1955). Frankfurt am Main: Fischer 1976. S. 196.) Die Bezeichnung „Landesvater" für einen Spitzenpolitiker kommt also nicht von ungefähr.

19 Bertrand Russell: Warum ich kein Christ bin (Why I am not a Christian and Other Essays on Religion and Related Subjects, 1957). Reinbek: Rowohlt 1968. S. 81.

20 Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse, a.a.O. S. 55.

21 „Die Funktion des mythischen Bewußtseins ist es vor allem, das Gefühl der Verbindlichkeit zu erwecken, das Bewußtsein der Verschuldung gegenüber dem Sein ... Das Wort 'Mythos' wird üblicherweise auch zur Bezeichnung eines völlig entgegengesetzten Bewußtseins verwendet, des Bewußtseins des Gläubigers. Die Mythen, die sich vorwiegend auf eine künftige Utopie richten, die noch unerfüllte Forderungen befriedigen soll, Mythen, die vor allem Anrechte kodifizieren, nicht aber Verpflichtungen ..." (Leszek Kolakowski: Die Gegenwärtigkeit des Mythos, a.a.O. S. 121. Hervorhebungen im Original.)

22 Wie stark die Anziehungskraft des mythischen Denkens selbst in profanen Bereichen ist, zeigt sich am Erfolg von Massenmedien, die verwickelte und vielschichtige Abläufe in Politik und Wirtschaft auf die Gegnerschaften führender Persönlichkeiten im Kampf um Macht und Einfluß zurückführen und damit Erklärungsmuster anbieten, die zwar eingängig sind, aber mit der Wirklichkeit nur am Rande zu tun haben.

23 So ist es immer noch leichter, eine Mehrheit für Wiedereinführung der Todesstrafe zu gewinnen als für die Erhöhung der Staatsausgaben zum Ausbau von Wiedereingliederungseinrichtungen für gesellschaftliche Randgruppen.

24 Wer, beispielsweise, hat noch nicht seinem Auto oder seinem Computer gut zugeredet, doch so zu tun wie man will. Auch der Brauch, jemandem Glück, Erfolg und Gesundheit zu wünschen, ist ein Ausfluß des magischen Denkens.

25 „Der Mythos erhebt gleich der Wissenschaft den Anspruch, die Welt zu erklären, ihre Phänomene verständlich zu machen. Gleich der Wissenschaft möchte er dem Menschen ein Mittel in die Hand geben, mit dem er, der Mensch, auf das Universum einwirken kann." (Pierre Grimal: Mythen der Völker (Mythologies, 1963). Bd 1. Frankfurt am Main: Fischer 1977. S. 12.)

26 Bis in die heutige Zeit bieten Anlässe dieser Art, man denke hierbei nur an Fronleichnamsprozessionen oder Einweihungen öffentlicher Bauwerke, Gelegenheit zu öffentlicher Religionsausübung mit dem damit verbundenen Schaugepränge. Auch regelmäßig stattfindende Gottesdienste sind Formen des Gruppengebetes.

27 Verballhornungen der unverständlichen Gebetsformeln lassen deren magischen Charakter im Volksglauben deutlich in Erscheinung treten. So wurde aus der Wandlungsformel der katholischen Meßfeier „hoc es corpus Christi" - die ist der Leib Christi - die Zauberformel „hokus pokus".

28 In Europa erreichte das persönliche Gebet erst mit dem Protestantismus, der eine Religion der individuellen Beziehung des Menschen zu seinem Gott ist, entstanden aus der Auflösung der strengen gesellschaftlichen Bindungen im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit, seine allgemeine Verbreitung.

29 Beispiele hierfür sind die bekannten Gebete der katholischen Religion wie Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Ave Maria und Rosenkranz, die zu verschiedensten Anlässen gebetet werden.

30 Das Abbeten einer Anzahl formalisierter Gebete wird in der katholischen Religion auch tatsächlich als Bußübung absolviert. In indischen oder indisch beeinflußten Religionen kommt der beständigen Wiederholung eines „Mantras" eine ähnliche Bedeutung zu. (Peter Stiegnitz: Sekten und Freikirchen; Religiöse Antworten auf psychologische Fragen und Bedürfnisse? Wien: hpt-Verlag 1989. S. 43.)

31 Der sogenannte Psychoboom hat eine große Zahl von Techniken der Autosuggestion und von körperlichen Übungen populär gemacht, die gleichartige Wirkungen auch bei religiös ungebundenen Menschen hervorrufen können, sofern sie von deren Wirksamkeit überzeugt sind. Unter diesem Blickwinkel gesehen, kann auch das Gebet in die Reihe dieser psycho-physischen Techniken eingeordnet werden.

32 In vielen Märchen und Sagen stehen die vergessene magische Formel und die Gefahren, die daraus erwachsen können, im Mittelpunkt. Man denke nur an die Geschichte vom Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird.

33 Daß die Lehre von der Hölle im Katholizismus kein totes Holz ist, erweist sich immer wieder. Hierzu nur zwei Beispiele: In den sechziger Jahren verfaßte Georges Panneton ein zweibändiges Werk über Himmel und Hölle, in dem er mit bischöflicher Druckerlaubnis bekräftigt: "Es gibt eine Hölle und sie ist ewig. Dämonen und Verdammte haben darin in Ewigkeit ihren Aufenthalt." (Georges Panneton: Himmel oder Hölle. Innsbruck u.a.: Tyrolia Verlag 2 Bde 1961-1963. Bd 2: Die Hölle. S. 49.) Auch der neue Katechismus bekräftigt: „Die Lehre der Kirche sagt, daß es eine Hölle gibt und daß sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden, 'das ewige Feuer'." (Katechismus der katholischen Kirche. München, Wien: Oldenbourg u.a. 1993. Art. 1035.) Auch dem Islam ist die Vorstellung der Höllenfeuer nicht fremd. Der Koran enthält viele Stellen, in denen darauf hingewiesen wurde, zum Beispiel: „An jenem Tage werden die Ungläubigen vor das Höllenfeuer gestellt, und es wird zu ihnen gesagt: 'Ist es nun nicht wahr geworden?' Und sie werden antworten: 'Bei unserem Herrn! Jawohl.' Und Allah wird sagen: 'So kostet nun auch die Strafe, weil ihr Ungläubige gewesen seid.’" (46. Sure, Al Ahkaf, 35.)

34 Deutliche Worte fand in dieser Hinsicht vor etwa einem Jahr der aus Österreich stammende Kardinal Alfons Stickler, der in einem Interview äußerte: „Ich habe gelernt, daß im zivilen wie auch im kirchlichen Strafrecht der Strafzweck ein dreifacher ist: Sühne für das, was man gegen das Recht getan hat; die Besserung und die Abschreckung. Heute hat man auf den Begriff der Sühne völlig vergessen, und das ist auch einer der Gründe, warum heute wieder so oft die Todesstrafe strikt abgelehnt wird. ... Weitere Belege für die von Gott der weltlich-staatlichen Obrigkeit gegebenen Vollmacht, die Todesstrafe zu verhängen, stammen von Paulus im Römerbrief und von Petrus in seinem ersten Brief. ... Der kirchlichen Obrigkeit ist diese Vollmacht nicht gegeben - sie schreckt zurück vor dem Blut; ja sie muß für die Begnadigung der zum Tod Verurteilten bitten. Das aber hebt die der weltlichen Obrigkeit ausdrücklich von Gott verliehene Vollmacht nicht auf." [Alfred Worm: „... soll mit dem Schwert getötet werden ..."; Kurienkardinal Alfons M. Stickler über die Todesstrafe, den Gehorsam, Pater Udo Fischer und Bischof Kurt Krenn, in: profil 19/93 (10.5.1993) S. 24.]

35 „Das ist ein Mechanismus durch den aus einem Paar von ambivalenten Haltungen die eine, zum Beispiel Haß, durch Überbetonung der anderen unbewußt gemacht und gehalten wird - in unserem Beispiel also durch Überbetonung der Liebe. ... Wenn das Ich aus irgendeinem Grund den Impuls zu hassen fürchtet, oder genauer, wenn es die mit Hassen verbundenen Impulse fürchtet, dann wird der Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung in Kraft treten und diese Impulse dadurch abbremsen und weiter in Schach halten, daß die Haltung der Liebe betont und verstärkt wird. Handelt es sich um Furcht vor Liebe, so vollzieht sich das Umgekehrte." (Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse, a.a.O. S. 85.)

36 Erwin Bartosch: Der Inquisitor und sein Ketzer; Die Verschränkung von Religion und Sadomasochismus. In: Anton Szanya (Hg.): Religion auf der Couch; Von den unbewußten Wurzeln himmlischer Mächte. Wien. Picus Verlag 1993. S. 41.

37 1 Ko 15, 12-20.

38 Christian Morgenstern: Die unmögliche Tatsache. In: Das Buch der Gedichte; Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart. Gütersloh: Bertelsmann 1963. S. 198.

39 2 Ko 10, 5-6.

40 Karl Heussi: Kompendium der Kirchengeschichte. Tübingen: Mohr 131971. § 17e. Das geflügelte Wort "credo quia absurdum est" - ich glaube es, weil es unsinnig ist - stammt in dieser Form nicht von Tertullianus, sondern aus unsicherer Quelle. Es trifft aber den Sachverhalt.

41 Gal 1, 9.

42 2 Pe 2, 12.

43 Die bedeutendsten dieser Kritiker waren die Philosophen Kelsos im zweiten und Porphyrios im dritten Jahrhundert.

44 Karl Heussi: Kompendium der Kirchengeschichte, a.a.O. § 25k.

45 Im Rahmen dieser Symbiose bleibt die geistliche Macht so lange die stärkere, wie ihr Zugriff auf das Gewissen der Menschen ungeschwächt ist. Denn dann hat es das Priestertum in der Hand, der weltlichen Macht die Legitimierung in den Augen der Menschen zu entziehen, sollte sie sich als störrisch erweisen.

46 Leszek Kolakowski: Die Gegenwärtigkeit des Mythos, a.a.O. S. 15.

47 Ein Beispiel für den herablassenden Umgang der Wissenschaft mit dem durch die verzerrende Brille der Dogmenkritik betrachteten Mythos bietet Steven Weinberg, Nobelpreisträger für Physik, mit der Einleitung seines Buches über den Ursprung des Weltalls. Er schreibt dort. „Eine Erklärung für die Entstehung der Welt finden wir in der 'Jüngeren Edda' ...Am Anfang, so heißt es dort, gab es nichts. 'Da war nicht Erde unten, noch oben Himmel, Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.' Nördlich und südlich des Nichts erstreckten sich eisige und feurige Welten, Nebelheim und Muspellheim. Die von Muspellheim ausgehende Hitze brachte das Eis von Nebelheim zum Schmelzen und aus den herabfallenden Tropfen entstand ein Riese namens Ymir. Wovon ernährt sich Ymir? Außer ihm gab es offenbar noch eine Kuh namens Audhumla. Und wovon ernährte sie sich? Nun, es gab außerdem salzige Steine. In diesem Sinne geht es mit dem Mythos weiter. Ich möchte niemandes religiöse Empfindungen verletzen, auch nicht die der Wikinger, aber ich glaube, man darf dennoch sagen, daß hier keine sonderlich befriedigende Darstellung der Anfänge des Universums vorliegt." (Steven Weinberg: Die ersten drei Minuten; Der Ursprung des Universums. München, Zürich: Piper 1977. S. 17.)

48 Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. In: Heinrich Heine: Sämtliche Schriften in 12 Bänden. Bd 5: Schriften 1831 - 1837. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981. S. 590/591.

49 Die diesbezüglichen Ausführungen folgen: Josef Rattner: Tiefenpsychologie und Religion. Ismaning: Hueber 1987. S. 194-196.

50 Das griechische Wort "k o s m o V " bedeutet so viel wie Ordnung.

51 Ausdruck dessen ist das Kirchenlied: „Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? Wem künd' ich mein Entzücken, wenn freudig pocht mein Herz? Zu Dir, zu Dir, o Vater, komm' ich in Freud' und Leiden. Du sendest ja die Freuden, Du heilest jeden Schmerz." (Cantate - orate; Lieder- und Gebetbuch für katholische Mittelschüler. Linz: Veritas Verlag 1952. S. 51/52.)

52 „Wenn wir von Selbstobjekt sprechen, so meinen wir damit, daß eine Person, später auch etwas anderes, als ein Teil des eigenen Selbst erlebt wird. Es wird gerade jener Teil sein, dessen Entwicklung und Konsolidierung im Augenblick ansteht. Für das Kind gibt es in diesem Status nicht zwei Personen, sondern nur eines, und das ist 'es selbst'. Der Teil, den die Mutter dazu beisteuert, ist in seinem psychischen Erleben eingeschlossen. Diesen Teil nennen wir Selbstobjekt." (Erwin Bartosch: Der Inquisitor und sein Ketzer, a.a.O. S. 33/34.)

53 „Das heißt, daß je nach den Umständen Gefühle der Liebe und ebenso intensive Gefühle des Hasses miteinander abwechseln. ... Diese ... Ambivalenz ist normalerweise in gewissem Umfang das ganze Leben hindurch vorhanden, aber für gewöhnlich ist sie in der späteren Kindheit wesentlich weniger stark ausgeprägt ..., und in der Adoleszenz und im Leben des Erwachsenen ist sie noch schwächer. Es ist zuzugeben, daß das Nachlassen der Ambivalenz oft mehr scheinbar als wirklich ist. Die bewußten Gefühle gegenüber dem Objekt spiegeln oft nur die eine Hälfte der Ambivalenz wider, während die andere Hälfte im Unbewußten gehalten wird, trotzdem aber auf das psychische Leben des Betreffenden eine starke Wirkung ausübt. (Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse, a.a.O. S. 99.)

54 Zwar mag in allen diesen Religionen behauptet werden, daß der Widersacher Gottes gleichsam nur von dessen Gnade lebt und am Ende der Zeiten endgültig niedergeworfen werden wird, so ist es doch eine unleugbare Tatsache, daß das Übel und Leid in der Welt offensichtlich ist und der dauernden Erklärung seines Vorhandenseins angesichts eines gütigen Gottes bedarf, während der endgültige Sieg Gottes lediglich eine Zukunftshoffnung darstellt.

55 Die diesbezüglichen Ausführungen folgen: Josef Rattner: Tiefenpsychologie und Religion, a.a.O. S. 202-204.

56 Es ist bezeichnend, daß ein Name des Teufels in der christlichen Religion Luzifer lautet, abgeleitet vom lateinischen „lucifer" - Lichtträger.

57Einzelheiten dazu in: Elisabeth Frenzel: Stoffe der Weltliteratur; Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart: Kröner 31970. S. 657-661. (Stichwort „Satan")

58 In dem Roman "Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow (1891 - 1940) kommt der Teufel in Gestalt des Professors Voland in das Moskau der dreißiger Jahre, wo er die Stolzen beugt, die Bösen bestraft und die Sanftmütigen belohnt.

59 Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 21980. S. 353/354.

60 Katechismus der katholischen Kirche, a.a.O. Art. 391-395.

61 Zitiert bei: Patrizia Giampieri-Deutsch: Die Psychoanalyse des Teufels. In: Anton Szanya (Hg.): Religion auf der Couch, a.a.O. S. 91.

62 Sigrun Roßmanith: Religion als Forschungsgegenstand, a.a.O. S. 8. Über diese Unterschiede führt Rossmanith anschließend aus: „Bezüglich des Narzißmus, der gewissermaßen als Batterie der Triebe fungiert und verantwortlich ist, daß der Mensch stets weiter expandieren und Höherem zustreben will, läßt sich sagen, daß dieser auf Gott wie auch auf eine Führerfigur projiziert werden kann. Attribuiert der Mensch Gott noch höhere, also über ihm stehende Qualitäten, so fällt dies bei der ideologischen Orientierung weg, da der Mensch sich ein System zur Vervollkommnung und zur Lösung von Problemen schafft und etwas über ihm Stehendes, sei es Schicksal, sei es Gott, als nicht existent wähnt. ... Ideologien pochen auf das Größenselbst im Menschen und versuchen es zu wecken, wohingegen in der monotheistischen Religion der Einzelne veranlaßt wird, sich Gott als idealisierter Elternimago unterzuordnen."

63 Friedrich Engels an Paul Lafargue. In: Marx - Engels Gesamtausgabe. Berlin: Dietz 1958 ff. Bd 38. S. 101.

64 Vladimir I. Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. In: Vladimir I. Lenin: Ausgewählte Werke in drei Bänden. Bd 1. Berlin: Dietz 1976. S. 77.

65 Angelica Balabanoff: Sozialismus als Weltanschauung. In: Sozialismus und persönliche Lebensgestaltung; Texte aus der Zwischenkriegszeit. Wien: Junius Verlag 1981. S. 45.

66 Angelica Balabanoff: Sozialismus als Weltanschauung, ebenda.

67 Marx - Engels Gesamtausgabe. Berlin: Dietz 1958 ff. Bd 4. S V (Vorwort). Daß selbst kritische Geister der Verführung des mythischen Denkens erliegen, zeigt das Beispiel Herbert Marcuses (1898 - 1979), der noch in den sechziger Jahren über das Proletariat schrieb: „Wenn sie sich zusammenrotten und auf die Straße gehen, ohne Waffen, ohne Schutz, um die primitivsten Bürgerrechte zu fordern, wissen sie, daß sie Hunden, Steinen und Bomben, dem Gefängnis, Konzentrationslagern, selbst dem Tod gegenüberstehen. Ihre Kraft steht hinter jeder politischen Demonstration für die Opfer von Gesetz und Ordnung. Die Tatsache, daß sie anfangen, sich zu weigern, das Spiel mitzuspielen, kann die Tatsache sein, die den Beginn des Endes einer Periode markiert." [Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch; Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft (The One-Dimensional Man; Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society, 1967). Darmstadt, Neuwied: Luchterhand 201985. S. 267.]

68 Günter Grass: Aus dem Tagebuch einer Schnecke. Darmstadt, Neuwied: Luchterhand 1972. S. 52.

69 Der Standard, 19.1.1990.

70 Ob nun Prozessionen mit Bildern von Göttern oder Heiligen oder Ikonen von Marx bis Mao durch die Straßen ziehen, macht aus der Sicht der Tiefenpsychologie ebensowenig einen Unterschied wie die Tatsache, daß Menschen Bücher, mögen sie nun Bibel, Koran oder Gedanken des Großen Vorsitzenden heißen, zum Fetisch erheben und vermeinen, nur in diesen die Wahrheit finden zu können.

71 Mat 18,3

72 Gustav Wyneken: Abschied vom Christentum; Ein Nichtchrist befragt die Religionswissenschaft. Reinbek: Rowohlt 1970. S. 259

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